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27.11.2007
Die Anatomie frühneuzeitlicher Imperien

Herrschaftsmanagement jenseits von Staat und Nation:
Institutionen, Personal und Techniken

Workshop II

7./8. Dezember 2007

Das Alte Reich und Alte Reiche, konkret das Römisch-Deutsche Reich, die Habsburgermonarchie, der dänische und der schwedische Reichsverband, das osmanische Reich, Polen-Litauen, Großbritannien und Irland sowie die Vereinigten Staaten von Amerika vor 1800, sind Gegenstand der beiden 2006 und 2007 veranstalteten Workshops „Die Anatomie frühneuzeitlicher Imperien. Herrschaftsmanagement jenseits von Staat und Nation: Institutionen, Personal und Techniken“.

Sogenannte „Quaternionentraube“ des Daniel Manasser, Kupferstich ca. 1630,  Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Ausgangspunkt der Diskussion über imperiales Herrschaftsmanagement ist die Arbeitshypothese, dass es sich bei einem „Imperium“ um ein Politik- und Gesellschaftsmodell handelt, dessen Integrationsleistung weder auf der „Verstaatung“ von Herrschaft beruht, d.h. der zunehmenden Monopolisierung von Herrschaftsrechten, wie sie für den klassischen, nach Souveränität nach außen wie nach innen strebenden Territorialstaat charakteristisch ist, noch auf einer Vereinheitlichung der Bevölkerung. „Imperiale“ Mechanismen der Integration zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass sie einen Ausgleich von Einheit und Differenz herstellen, ohne letztere zu beseitigen bzw. ersterer zu unterwerfen.

Den Unterschied zwischen staatlicher und imperialer Integrationsleistung beschreibt Georg Forster, besser bekannt als Anhänger der Französischen Revolution denn als Interpret der Verfassung des Heiligen Römischen Reichs und der Habsburgermonarchie, in seinen Erinnerungen an die Regierung Kaiser Leopolds II., vormals Großherzog von Toskana: „Leopold wollte das Heil seiner Staaten; allein unter den unzähligen Projektemachern, die sich zu ihm drängten, wusste keiner das Arkanum, ihm den Druck so vieler Kronen zu erleichtern; er konnte nicht mehr mit gleich gutem Erfolg zwanzig Millionen Menschen von verschiedenen Zungen, wie jenseits der Alpen eine Million Florentiner beherrschen ...“ (Georg Forster, Erinnerungen aus dem Jahr 1790, Berlin: Voss, 1793, S. 121). Nach Forster bestand die imperiale Herausforderung in der Lüftung des „Arkanums ... den Druck so vieler Kronen zu erleichtern“, d.h. über ein vielschichtiges, aus mehreren Bestandteilen zusammengesetztes Gemeinwesen – keinen Einheitsstaat – zu herrschen, über eine Vielzahl von Menschen – zwanzig Millionen anstelle einer Million – und über einen heterogenen Untertanenverband – hier Menschen, die sich in verschiedenen Sprachen verständigten.

In praktischer Hinsicht soll das Modell des imperialen Herrschaftsmanagements zunächst dazu dienen, die Anatomie frühneuzeitlicher Imperien jenseits der anachronistischen Paradigmen „Staat“ und „Nationalstaat“ zu rekonstruieren. Ein weiteres Ziel der Workshops ist es, einen Anstoß zur Erarbeitung eines Kriterienkatalogs imperialer Herrschaft, zu geben, um die Sehnen, Muskeln und Gelenke, „the sinews of empire“ (Helmut Koenigsberger) für Vergleiche handhabbar zu machen.

Programm

Freitag, den 7. Dezember 2007
9.00 – 13.00 Uhr
Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Minoritenplatz 1
1010 Wien

Begrüßung

Hofrat Prof. Dr. Leopold Auer, Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien
Prof. Dr. Bogusław Dybaś, Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien
Dr. Sven Baszio, Leiter des Referats Europa I der Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn

Einführung

Altes Reich, Alte Reiche und der imperial turn in der Geschichtswissenschaft
Dr. Stephan Wendehorst, Wien

I. Institutionen imperialer Herrschaft:

Finis Lithuaniae oder Konsolidierung? "Die Bürgschaft beider Nationen vom 22. Oktober 1791" als Indikator für die Geschichte des institutionellen Verhältnisses des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen
Mathias Niendorf, Kiel/Greifswald

Die lutherische Staatskirche als Integrationsfaktor des multilingualen, multikulturellen und multiterritorialen dänischen Imperiums
Michael Bregnsbo, Odense

Kaffee

The Separation of the Grandvizier’s Household from the Sultan’s :
The Background, Recruitment and Training of the New Staff
Tulay Artan, Istanbul

Das “Besondere” - das “Demokratische”? Argumente der Landstände für Herrschaft und politische Organisation im 18. Jahrhundert: Tirol und Ostfriesland im Vergleich
Astrid von Schlachta, Innsbruck

Verwaltungsgeschichte der Habsburgermonarchie in der Frühen Neuzeit –
Projektvorstellung
Thomas Winkelbauer, Wien

im Anschluß:
Buchvorstellung
durch Prof. Dr. Gabriele Haug-Moritz, Graz
Höchstgerichte in Europa. Bausteine frühneuzeitlicher Rechtsordnungen, hrsg. von Leopold Auer, Werner Ogris und Eva Ortlieb (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich), Köln/Weimar: Böhlau, 2007

14.15– 18.00 Uhr

II. Imperiales Personal

Die polnisch-litauischen „Magnaten“ als übergreifende Herrschaftselite
Jürgen Bömelburg, Giessen

Landrat, Oberrat, Starosta. Die adeligen Beamten in den livländischen
Provinzen der polnisch-litauischen Republik
Bogusław Dybaś, Thorn/Wien

Oberherrschaft als multipolarer Aushandlungsprozess: König, Adel und jüdische Eliten in Polen-Litauen im 16. Jahrhundert
Jürgen Heyde, Halle

Kaffee

Zentrum und Peripherie? Die Vertretungen der Reichsstände am Kaiserhof: Das Beispiel der Nürnberger Reichshofratsagenten
Stefan Ehrenpreis, Berlin

Reich der Diplomaten – Diplomaten des Reichs: das Netz der habsburgischen Gesandten und Residenten im Heiligen Römischen Reich
Thomas Lau, Fribourg

III. Imperiale Herrschaftstechniken

18.15 Uhr

Der Sonderfall Triest: Die „Erfindung“ eines Hafens für eine imperiale Landmacht im 18. Jahrhundert
Grete Klingenstein, Graz

im Anschluß:
Buchvorstellung

„Die Reichsstadt Frankfurt als Rechts- und Gerichtslandschaft des Römisch-Deutschen Reichs (bibliothek altes Reich, 3), München: Oldenbourg 2008“

Round-Table Diskussion über merkantile imperiale Funktionsszentren
mit Grete Klingenstein – Triest, Börries Kuzmany – Brody, Anna Ziemlewska – Riga/Danzig, Stephan Wendehorst – Marktbreit

Samstag, den 8. Dezember 2007
9.00 – 14.00 Uhr
Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Minoritenplatz 1
1010 Wien

III. Imperiale Herrschaftstechniken

Defining Sweden in Early Modern Times: Royal Titles, Coats of Arms and Political Concepts as Expressions of Swedish Supremacy
Torbjörn Eng, Stockholm

Die Normaljahrsrestitutionen 1648 – 1653: die Umsetzung des Westfälischen Friedens durch Schweden, Reichshofrat und Reichsstände
Ralf-Peter Fuchs, München

Das Imperium lokal? Zur Funktionsweise des Gerichtswesens auf dem multireligiösen Latifundium Rzeszów in der polnisch-litauischen Rzeczpospolita
Yvonne Kleinmann, Leipzig

A University Course as a Universal Tool of Merging Bureaucratic Elites: Joseph von Sonnenfels and the „Genealogy” of his Students
Olga Khavanova, Moskau/Wien

Kaffee

„ … damit er der Freiheit der Christenheit diene.“ Das Gebet für den Kaiser im konfessionellen Zeitalter
Matthias Kloft, Frankfurt

Das Reich in Trauer: Castra Doloris für die verstorbenen Kaiser
Liselotte Popelka, Wien

Sprachverwendung und Sprachkompetenz in der Familienkorrespondenz Ferdinands I.
Bernadette Hofinger und Christopher Laferl, Salzburg

Deutsch als dänische Sprache. Die Verwendung des Deutschen in der Verwaltung des dänischen Gesamtstaats
Vibeke Winge, Kopenhagen

Anmeldung
E-Mail: hhstapost@oesta.gv.at
Tel.: +43-1-53115-2511

Veranstalter:

Österreichisches Staatsarchiv
Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Minoritenplatz 1
1010 Wien

Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Strohgasse 45/2
1030 Wien

Wissenschaftliches Zentrum
der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien
Boerhaavegasse 25
1030 Wien

Kooperationspartner:

Alexander von Humboldt-Stiftung
Jean-Paul-Straße 12
53173 Bonn

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