Herrschaftsmanagement jenseits von Staat und Nation:Institutionen, Personal und Techniken
Workshop II
7./8. Dezember 2007
Das Alte Reich und Alte Reiche, konkret das Römisch-Deutsche Reich, die Habsburgermonarchie, der dänische und der schwedische Reichsverband, das osmanische Reich, Polen-Litauen, Großbritannien und Irland sowie die Vereinigten Staaten von Amerika vor 1800, sind Gegenstand der beiden 2006 und 2007 veranstalteten Workshops „Die Anatomie frühneuzeitlicher Imperien. Herrschaftsmanagement jenseits von Staat und Nation: Institutionen, Personal und Techniken“.
Ausgangspunkt der Diskussion über imperiales Herrschaftsmanagement ist die Arbeitshypothese, dass es sich bei einem „Imperium“ um ein Politik- und Gesellschaftsmodell handelt, dessen Integrationsleistung weder auf der „Verstaatung“ von Herrschaft beruht, d.h. der zunehmenden Monopolisierung von Herrschaftsrechten, wie sie für den klassischen, nach Souveränität nach außen wie nach innen strebenden Territorialstaat charakteristisch ist, noch auf einer Vereinheitlichung der Bevölkerung. „Imperiale“ Mechanismen der Integration zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass sie einen Ausgleich von Einheit und Differenz herstellen, ohne letztere zu beseitigen bzw. ersterer zu unterwerfen.
Den Unterschied zwischen staatlicher und imperialer Integrationsleistung beschreibt Georg Forster, besser bekannt als Anhänger der Französischen Revolution denn als Interpret der Verfassung des Heiligen Römischen Reichs und der Habsburgermonarchie, in seinen Erinnerungen an die Regierung Kaiser Leopolds II., vormals Großherzog von Toskana: „Leopold wollte das Heil seiner Staaten; allein unter den unzähligen Projektemachern, die sich zu ihm drängten, wusste keiner das Arkanum, ihm den Druck so vieler Kronen zu erleichtern; er konnte nicht mehr mit gleich gutem Erfolg zwanzig Millionen Menschen von verschiedenen Zungen, wie jenseits der Alpen eine Million Florentiner beherrschen ...“ (Georg Forster, Erinnerungen aus dem Jahr 1790, Berlin: Voss, 1793, S. 121). Nach Forster bestand die imperiale Herausforderung in der Lüftung des „Arkanums ... den Druck so vieler Kronen zu erleichtern“, d.h. über ein vielschichtiges, aus mehreren Bestandteilen zusammengesetztes Gemeinwesen – keinen Einheitsstaat – zu herrschen, über eine Vielzahl von Menschen – zwanzig Millionen anstelle einer Million – und über einen heterogenen Untertanenverband – hier Menschen, die sich in verschiedenen Sprachen verständigten.
In praktischer Hinsicht soll das Modell des imperialen Herrschaftsmanagements zunächst dazu dienen, die Anatomie frühneuzeitlicher Imperien jenseits der anachronistischen Paradigmen „Staat“ und „Nationalstaat“ zu rekonstruieren. Ein weiteres Ziel der Workshops ist es, einen Anstoß zur Erarbeitung eines Kriterienkatalogs imperialer Herrschaft, zu geben, um die Sehnen, Muskeln und Gelenke, „the sinews of empire“ (Helmut Koenigsberger) für Vergleiche handhabbar zu machen. Programm
Freitag, den 7. Dezember 20079.00 – 13.00 Uhr Haus-, Hof- und StaatsarchivMinoritenplatz 11010 Wien
Begrüßung
Hofrat Prof. Dr. Leopold Auer, Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien Prof. Dr. Bogusław Dybaś, Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien Dr. Sven Baszio, Leiter des Referats Europa I der Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
Einführung
Altes Reich, Alte Reiche und der imperial turn in der GeschichtswissenschaftDr. Stephan Wendehorst, Wien
I. Institutionen imperialer Herrschaft:
Finis Lithuaniae oder Konsolidierung? "Die Bürgschaft beider Nationen vom 22. Oktober 1791" als Indikator für die Geschichte des institutionellen Verhältnisses des Königreichs Polen und des Großfürstentums LitauenMathias Niendorf, Kiel/Greifswald
Die lutherische Staatskirche als Integrationsfaktor des multilingualen, multikulturellen und multiterritorialen dänischen Imperiums Michael Bregnsbo, Odense
Kaffee
The Separation of the Grandvizier’s Household from the Sultan’s :The Background, Recruitment and Training of the New StaffTulay Artan, Istanbul
Das “Besondere” - das “Demokratische”? Argumente der Landstände für Herrschaft und politische Organisation im 18. Jahrhundert: Tirol und Ostfriesland im Vergleich Astrid von Schlachta, Innsbruck
Verwaltungsgeschichte der Habsburgermonarchie in der Frühen Neuzeit –ProjektvorstellungThomas Winkelbauer, Wien
im Anschluß:Buchvorstellungdurch Prof. Dr. Gabriele Haug-Moritz, Graz Höchstgerichte in Europa. Bausteine frühneuzeitlicher Rechtsordnungen, hrsg. von Leopold Auer, Werner Ogris und Eva Ortlieb (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich), Köln/Weimar: Böhlau, 2007
14.15– 18.00 Uhr
II. Imperiales Personal
Die polnisch-litauischen „Magnaten“ als übergreifende Herrschaftselite Jürgen Bömelburg, Giessen
Landrat, Oberrat, Starosta. Die adeligen Beamten in den livländischenProvinzen der polnisch-litauischen RepublikBogusław Dybaś, Thorn/Wien
Oberherrschaft als multipolarer Aushandlungsprozess: König, Adel und jüdische Eliten in Polen-Litauen im 16. Jahrhundert Jürgen Heyde, Halle
Zentrum und Peripherie? Die Vertretungen der Reichsstände am Kaiserhof: Das Beispiel der Nürnberger Reichshofratsagenten Stefan Ehrenpreis, Berlin
Reich der Diplomaten – Diplomaten des Reichs: das Netz der habsburgischen Gesandten und Residenten im Heiligen Römischen ReichThomas Lau, Fribourg
III. Imperiale Herrschaftstechniken
18.15 Uhr
Der Sonderfall Triest: Die „Erfindung“ eines Hafens für eine imperiale Landmacht im 18. Jahrhundert Grete Klingenstein, Graz
im Anschluß:Buchvorstellung
„Die Reichsstadt Frankfurt als Rechts- und Gerichtslandschaft des Römisch-Deutschen Reichs (bibliothek altes Reich, 3), München: Oldenbourg 2008“
Round-Table Diskussion über merkantile imperiale Funktionsszentrenmit Grete Klingenstein – Triest, Börries Kuzmany – Brody, Anna Ziemlewska – Riga/Danzig, Stephan Wendehorst – Marktbreit
Samstag, den 8. Dezember 2007 9.00 – 14.00 UhrHaus-, Hof- und StaatsarchivMinoritenplatz 11010 Wien
Defining Sweden in Early Modern Times: Royal Titles, Coats of Arms and Political Concepts as Expressions of Swedish Supremacy Torbjörn Eng, Stockholm
Die Normaljahrsrestitutionen 1648 – 1653: die Umsetzung des Westfälischen Friedens durch Schweden, Reichshofrat und Reichsstände Ralf-Peter Fuchs, München
Das Imperium lokal? Zur Funktionsweise des Gerichtswesens auf dem multireligiösen Latifundium Rzeszów in der polnisch-litauischen RzeczpospolitaYvonne Kleinmann, Leipzig
A University Course as a Universal Tool of Merging Bureaucratic Elites: Joseph von Sonnenfels and the „Genealogy” of his StudentsOlga Khavanova, Moskau/Wien
„ … damit er der Freiheit der Christenheit diene.“ Das Gebet für den Kaiser im konfessionellen ZeitalterMatthias Kloft, Frankfurt
Das Reich in Trauer: Castra Doloris für die verstorbenen Kaiser Liselotte Popelka, Wien
Sprachverwendung und Sprachkompetenz in der Familienkorrespondenz Ferdinands I. Bernadette Hofinger und Christopher Laferl, Salzburg
Deutsch als dänische Sprache. Die Verwendung des Deutschen in der Verwaltung des dänischen GesamtstaatsVibeke Winge, Kopenhagen
AnmeldungE-Mail: hhstapost@oesta.gv.atTel.: +43-1-53115-2511
Veranstalter:
Österreichisches StaatsarchivHaus-, Hof- und Staatsarchiv Minoritenplatz 11010 Wien
Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie der Österreichischen Akademie der WissenschaftenStrohgasse 45/21030 Wien
Wissenschaftliches Zentrumder Polnischen Akademie der Wissenschaften in WienBoerhaavegasse 251030 Wien
Kooperationspartner:
Alexander von Humboldt-StiftungJean-Paul-Straße 1253173 Bonn
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