Payer - Weyprecht – Expedition
Am 13. Juni 1872 machte sich eine Polarexpedition unter der Führung des Marineoffiziers Carl Weyprecht unter dem Expeditionsleiter Julius Payer mit 19 Mann Besatzung und acht Schlittenhunden nebst Polarausrüstung von Bremerhaven über Tromsö auf den Weg in das Nordpolarmeer.
Der Anlass zu dieser Reise war eine sich im Nachhinein als Irrtum herausstellende Annahme – Man war der Ansicht, dass ein für die Schifffahrt offenes also eisfreies Polarmeer existiere, über welches man am Nordpol vorbei bis nach Japan per Schiff gelangen könnte.
Das Schiff war eine eigens nach den Plänen von Linienschiffsleutnant Weyprecht gebaute eisgängige hölzerne Schonerbark mit kohlenbefeuerter Dampfmaschine (marinespezifisch ein Auxiliarsegler mit Hilfsantrieb). Es wurde auf der Werft von Joh. C. Tecklenborg in Geestemünde (heute Bremerhaven) im April 1872 gebaut und hatte einen verstärkten Rumpf mit spezieller Rumpfform zur Vermeidung von Leck-Schlagen durch Treib- bzw. Packeis, sowie vier Rah- und zwei Stagsegel. Zum Zwecke der Rettung der Besatzung waren drei Rettungsboote mit an Bord. Das Schiff trug den Namen des österreichisch-ungarischen Admirals Wilhelm von Tegetthoff.
Während des Polarwinters 1872 wurde die Tegetthoff von oft extremen Temperaturen heimgesucht und durch das Packeis somit an der Weiterfahrt gehindert. Im darauffolgenden Polarsommer, als das Eis teilweise geschmolzen war, bemerkte man dass sich eine riesige Eisscholle unter das Schiff geschoben hatte. Mit ihr trieb das Schiff während der Polarsommermonate 1873 weiter nach Norden. Hierbei stieß man am 30. August 1873 auf das bis dato nur wenigen Fischern bekannte Rönnebeck-Land. Diese Inselgruppe wurde zu Ehren des Kaisers in Franz-Josefs-Land umbenannt.
Nach einem weiteren im Eis verbrachten Winter beschloss der wissenschaftliche Leiter Julius Payer mittels einer zusätzlichen Schlittenexpedition den Norden zu erkunden und bis zum 82. nördlichen Breitengrad vorzustoßen; weiter als je ein Mensch zuvor.
Nachdem dieses Ziel erreicht worden war, der Polarsommer jedoch das Eis zu Schmelzen gebracht hatte, entschloss man sich die Rückreise zum Schiff anzutreten, um nicht auf den Inseln abgeschnitten zu werden. Nach der Rückkehr zur Tegetthoff entdeckte man, dass die Vorräte knapp geworden waren und man beschloss das Schiff im Mai 1874 aufzugeben. Die Beiboote wurden mit dem verbliebenen Proviant bestückt und die Reise zu Fuß nach Süden zur Eiskante angetreten. Am 14. August erreichte man das offene Meer und mit Hilfe von russischen Fischern wurden die Forscher in die Nähe des Nordkaps gebracht um von dort die Heimreise nach Hamburg antreten zu können.
Die Entscheidung Weyprechts das von Eis eingeschlossene Schiff zu verlassen und zu Fuß über das Packeis den Rückweg nach Sibirien anzutreten war eine der spektakulärsten Leistungen auf dem Gebiet der internationalen Polargeschichte, da es bisher noch keinem Menschen gelungen war zu Fuß dem ewigen Eis zu entkommen. Der Marsch zurück erforderte jedoch auch ein Menschenleben. Der Maschinist Otto Krisch starb auf dem Rückweg an Lungentuberkulose und wurde an der Küste einer der Wilczek-Inseln beigesetzt.
Die Landentdeckung und die Erfahrungen der Expedition waren einer der wesentlichsten Beiträge zur Polarforschung und führten geradewegs zur Entdeckung der Nord-Ostpassage 1878 / 1879. Die Tegetthoff –Expedition (so der offizielle Name) war zudem der Beginn der internationalen Polarforschungsreisen. Mit dem Betreten von Kap Fligely auf dem Franz-Josefs-Land hatte der Mensch zum ersten Mal den nördlichsten Punkt Eurasiens betreten und zudem die Theorie von eisfreiem Nordpolarmeer widerlegt.
Die gewonnenen wissenschaftlichen Resultate der Expedition in meteorologischer, astronomischer und magnetischer Hinsicht, sowie die Beobachtungen des Nordlichtphänomens, aber auch zoologische Ergebnisse wurden 1878 in einer Denkschrift der k.u.k. Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. Der wissenschaftliche Leiter Julius Payer hat darüber hinaus ein Buch unter dem Titel „Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition 1876 verfasst sowie Gemälde seiner eigenen Expedition angefertigt, ein bis heute einmaliges Vorgang in der Geschichte der wissenschaftlichen Expeditionen. Julius Payer wurde als Ritter von Payer noch im selben Jahr in den erblichen Adelsstand erhoben.
Die dargestellten Archivalien zeigen zum einen das Schiffstagebuch der Admiral Tegetthoff mit dem handschriftlichen Bericht von Carl Weyprecht über die Drift der Tegetthoff und letztendlich der Entdeckung und Namensgebung des Franz-Josefs-Landes (…)Das ganze, von uns gesichtete Ländergebiet haben wir gemäß dem Rechte der ersten Entdeckung mit dem Namen „Kaiser Franz Josef´s Land“ belegt (…), zum anderen eine handgefertigte Skizze, die den berechneten Weg der Drift des Schiffes im Eis während der Polarsommermonate 1873 zum Gegenstand hat.
Die Verleihungsurkunde über den Orden der Eisernen Krone ist eine Abschrift, zeigt aber auf Grund Ihres Ausstellungsdatums die Wertschätzung und offizielle Anerkennung, die Julius Payer bereits vor Beginn der Expedition als Wissenschaftler genoss.
Bernhard Wenning
Zitate:KA, Kriegsmarine, Schiffstagebuch „Admiral Tegetthoff“ 1872-1874KA, Nachlass Julius von Payer, A, B, C / 204KA, Nachlass Carl von Weyprecht, B, C / 205
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