Am 3. Juni 2008 starb in Innsbruck die ehemalige Direktorin des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Anna Coreth im 93. Lebensjahr. Sie wurde am 25. Dezember 1915 in Innsbruck als Tochter des Grafen Emmerich Coreth und einer geborenen Gräfin Spiegelfeld geboren. Der Vater, 1945-47 Präsident des Verwaltungsgerichtshofs, entstammte einer alten Tiroler Adelsfamilie, deren Mitglieder über die Jahrhunderte hinweg Funktionen im Hof- und Staatsdienst bekleidet hatten.
Anna Coreth studierte 1936-40 Geschichte an der Universität Wien und absolvierte daneben den 42. Lehrgang am Institut für österreichische Geschichtsforschung (u.a. zusammen mit Hansmartin Decker-Hauff, Otto Friedrich Winter, Peter Gasser und Nikolaus Grass). 1940 wurde sie mit einer Dissertation über Maximilians I. politische Ideen im Spiegel der Kunst zum Doktor der Philosophie promoviert. Ihre bei Otto Brunner angefertigte Institutsarbeit über Österreichische Geschichtsschreibung in der Barockzeit konnte 1950 im Druck erscheinen.
Nach ihren Studien war Anna Coreth 1940-44 in Vertretung Heinrich Fichtenaus Assistentin am Institut für Geschichtsforschung; eine schon damals geplante Anstellung am Haus-, Hof- und Staatsarchiv scheiterte am Widerstand der NS-Stellen. Erst nach Kriegsende und einem Zwischenspiel bei der Tiroler Landesregierung konnte Coreth am 1. Februar 1946 doch ihren Dienst am Haus-, Hof- und Staatsarchiv antreten, das bis zu ihrer Pensionierung ihre berufliche Heimstätte blieb. Sie betreute hier das durch den Zweiten Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogene und in seiner Struktur sehr komplexe Kabinettsarchiv, die Abteilung Belgien und nach dem Wechsel Otto Friedrich Winters ins Kriegsarchiv 1961 vorübergehend auch den großen Bestand der Reichsarchive.
Die ersten Jahre ihrer Tätigkeit waren durch die Probleme der Nachkriegszeit, insbesondere die Rückführung und Neuaufstellung der Bestände gekennzeichnet. Die dabei erworbenen Kenntnisse und ihre Hilfsbereitschaft machten Anna Coreth zu einer unschätzbaren Stütze für viele Archivbesucher, die sich noch heute dankbar an sie erinnern. 1955 nahm sie als erste Angehörige des Österreichischen Staatsarchivs am Stage technique international d’archives in Paris teil; 1976, nach der Ernennung von Richard Blaas zum Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, folgte sie ihm als erste Frau an der Spitze des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und verblieb in dieser Funktion bis 1978.
Ihre Aufgaben als Direktorin erfüllte sie mit gewohnter Selbstverständlichkeit und Haltung, immer bereit zuzuhören, aber auch in dem Bewusstsein, dass Entscheidungen, für die man die Verantwortung trägt, letztlich nicht delegiert werden können. Bei der in ihre Direktionszeit fallenden Diskussion um die Archivarsausbildung hat sie durch eine unauffällige Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Positionen von Richard Blaas und Heinrich Fichtenau vermutlich wesentlich zu einer Lösung beigetragen. In ihrem wissenschaftlichen Oeuvre, das von Klarheit und Sinn für das Wesentliche geprägt ist, beschäftigte sie sich vor allem mit Fragen der Kultur- und Religionsgeschichte der Habsburgermonarchie.
In ihrem Hauptwerk “Pietas Austriaca“ – die deutsche Fassung erschien in zwei Auflagen 1959 und 1982, eine englische Übersetzung wurde 2004 veröffentlicht – untersuchte sie ein für Entstehung und Existenz der Habsburgermonarchie konstitutives Element und betrieb Mentalitätsgeschichte, lange bevor diese zum modischen Schlagwort wurde. Ihre wissenschaftlichen Leistungen veranlassten die katholisch-theologische Fakultät der Universität Wien, ihr in einer eindrucksvollen Feier am 11. April 1984 zusammen mit zwei Theologen und einem Erzbischof der ukrainisch-unierten Kirche als erster Frau das Ehrendoktorat zu verleihen.
Ihre Tätigkeit als Archivarin und Historikern war für Anna Coreth aber nur ein Teil ihres Lebens und vielleicht nicht einmal der wichtigste. Grundlage ihrer Existenz waren Gottvertrauen und ein für den Betrachter unerschütterlich wirkender Glaube, der sie durch alle Stationen ihres Lebens begleitete. Nach dem Ausscheiden aus dem Archiv zog sich Anna Coreth zwar nicht aus der Welt zurück, aber die Werke des Glaubens wurden noch stärker als bisher zum Mittelpunkt ihres Lebens, getreu den Worten des Psalmisten “in te Domine speravi, non confundar in aeternum“.
Leopold Auer
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