Adolf Schärf – Tagebuchnotizen des Jahres 1955
Vorgeschichte
Jede Publikation hat ihre eigene Geschichte. Im vorliegenden Fall reicht der Plan zur Edition der Tagesnotizen von Adolf Schärf etwa in die Zeit der Entstehung der Schärf-Biographie von Karl Stadler zurück. Zu diesem Zeitpunkt begann auch die Edition der Ministerratsprotokolle der Ersten Republik. Für die Transkription der Mitschriften, die in Gabelsberger-Stenographie abgefasst sind, wurde dringend ein Experte gesucht. Für diese Tätigkeit konnte eine ehemalige Mitarbeiterin von Adolf Schärf gefunden werden, die achtzehnjährig 1945 rasch die Fähigkeit erwarb, die Notizen Schärfs lesen zu können. Seine Neigung, wichtige Dinge täglich in dieser nicht mehr gebräuchlichen Kurzschrift festzuhalten, war der Fachwelt bekannt und erschwert bis heute die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Politikerpersönlichkeit. Um Schärf in all seinen Facetten gerecht zu werden, müsste ein umfangreicher Nachlass, der sich im Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung befindet und mit Materialien in Gabelsberger-Stenographie durchsetzt ist, aufgearbeitet werden.
Mit dem Wissen um die Fähigkeit der ehemaligen Mitarbeiterin von Adolf Schärf und dem Wissen um das Vorhandensein von tagebuchartigen Aufzeichnungen, entstand der Plan, eine Edition historisch relevanter Notizen zu realisieren. Mit den Vorbereitungen zum Staatsvertragsjahr schien eine Gelegenheit gekommen, eine Edition der Tagesnotizen mit dem Jahr 1955 zu beginnen. Die Forschungsarbeit wurde weitgehend unentgeltlich über mehrere Jahre hindurch durchgeführt. Nicht zuletzt war die Fülle der biographisch zu erfassenden rund 460 Personen eine Ursache für eine Verzögerung des Abschlusses der Editionsarbeit.
Die Tagesnotizen als historische Quelle
Die Tagesnotizen bestehen aus Aufzeichnungen in Gabelsberger-Stenographie und aus Erinnerungsvermerken in Form von Typoskripten über wichtige Gespräche. Sie zeigen den politischen Alltag des langjährigen Vizekanzlers und späteren Bundespräsidenten in allen Details. Das politische Handeln des Vizekanzlers in einem Schicksalsjahr Österreichs wird durch die Unmittelbarkeit der Aufzeichnungen in einem außerordentlichen Maße nachvollziehbar. Schärf kann als Chronist des Staatsvertragsjahres bezeichnet werden. Neben wichtigen Anmerkungen zum Staatsvertrag sind dessen unmittelbare innenpolitische Folgen vielleicht noch interessanter. Hier sei nur stichwortartig angeführt: Forderungen jüdischer Organisationen, das deutsche Eigentum, das komplexe deutsch-österreichische Verhältnis, die Bankensanierung, die Habsburger-Bestimmungen des Staatsvertrages, die Frage der Neutralität, die künftige Wehrpolitik, die Gültigkeit des Konkordates und Wirtschaftsfragen – so u.a. die Auflösung des USIA-Komplexes und eine Unzahl von Wirtschaftsgesetzen.Vor dem Hintergrund dieser Themenvielfalt gibt Adolf Schärf in seinen Tagesnotizen nicht nur das tägliche Geschehen wieder, sondern lässt in seine Erinnerungsvermerke auch Einschätzungen und Reflexionen einfließen.Seine zeitweise nicht gerade enge Beziehung zu Oskar Helmer wird ebenso deutlich wie sein gutes Verhältnis zu Emil Maurer, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde.
Im Vorwort der umfassenden Biographie von Karl R. Stadler (Adolf Schärf, Mensch Politiker Staatsmann, Wien 1982) wird Adolf Schärf von Bruno Kreisky in die Reihe der "Stillen des Landes" gestellt. Seine Schlusssätze vermitteln ein ungetrübtes Schärf-Bild: "Aber heute, retrospektiv beurteilt, war vieles oder fast alles, was Schärf im Bereich der Politik vertreten hat, klug, richtig und weit in die Zukunft hinaus gedacht. Die Dankbarkeit derer, die von ihm und bei ihm gelernt haben, ist unvergänglich. August/September 1982." In den letzten fünfundzwanzig Jahren wurde dieses positive Schärf-Bild zunehmend kritisch hinterfragt. In der Publikation wird im Einleitungsteil im Detail darauf eingegangen. Die Edition der Tagesnotizen soll nicht zuletzt den Weg von den leichtfertig formulierten Schlagzeilen zurück zur systematischen Auseinandersetzung mit den Quellen ebnen. Sie liefert die Grundlagen, um den Stellenwert von Einzeldokumentationen, Quellensammlungen, Einzeldarstellungen, Biographien und Erinnerungen zu dieser Zeit neu zu definieren, bzw. vordergründige und voreilige Interpretationen und nachträgliche Rechtfertigungen von Zeitzeugen zu revidieren.
Die Edition der Tagesnotizen des Jahres 1955 versteht sich als Pilotprojekt mit dem Ziel, alle historisch relevanten Tagesnotizen zu bearbeiten und zu publizieren.
Adolf Schärf, Tagebuchnotizen des Jahres 1955, Gertrude Enderle-Burcel (Hrsg.), Klaus Rubasch (Bearbeiter), StudienVerlag, Innsbruck Wien Bozen 2008, 400 Seiten, 39,90 Euro.
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