Mayerling als Problem historischer Quellenkritik
Vortrag in der Reihe „Aus der Werkstatt der Forschung“
am Dienstag, den 14. Oktober 2008, um 16:00 Uhrim Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs,Minoritenplatz 1, 1010 Wien
Referent:Hon.-Prof. Dr. Leopold AuerDirektor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs
Der Tod des Kronprinzen und der Baronesse Mary Vetsera im Jagdschloss Mayerling in der Nacht vom 29. auf den 30. Jänner 1889 lässt hinsichtlich der näheren Umstände nach wie vor viele Fragen offen; selbst die Frage nach Mord oder Selbstmord ist nicht mit völliger Sicherheit zu beantworten.
Zu viele Quellen wurden vernichtet, zu viele andere sind in ihrer Glaubwürdigkeit umstritten. Für den Selbstmord sprechen naturgemäß die Abschiedsbriefe, die aber in ihrer Mehrzahl – wie auch der einzige im Original erhaltene an Stephanie - nicht in Mayerling geschrieben worden sein dürften.
Briefliche Terminvereinbarungen aus Mayerling für die nächsten Tage können als Indiz dafür angesehen werden, dass die Selbstmordabsichten vielleicht zeitweilig ins Wanken geraten sind. Ebenso wenig kann es mit völliger Sicherheit ausgeschlossen werden, dass der geplante Doppelselbstmord bzw. Mord und Selbstmord durch unvorhergesehene Ereignisse verhindert wurde.
Nachdenklich stimmt nicht zuletzt die unmittelbar mit dem Tod auftretende Dichte der Gerüchte über ein Fremdeinwirken, die von der beschlagnahmten Sondernummer der Neuen Freien Presse vom 30. Jänner bis zu den Äußerungen des päpstlichen Nuntius Galimberti gegenüber dem deutschen Botschafter Prinzen Reuß und den Aufzeichnungen des Wiener Bürgermeisters Cajetan Felder reichen.
Umgekehrt muss die von Mitis als eine der zentralen Quellen für den Selbstmord angesehene Denkschrift des Grafen Hoyos ebenso wie der spätere Bericht des zweiten Hauptzeugen Loschek mit deutlichen Fragezeichen versehen werden, wie schon Viktor Bibl in seiner Rudolf-Biographie bemerkt hat.
So haben die vielfältigsten Spekulationen bis zum heutigen Tag angehalten und die Untersuchung der Ereignisse in Mayerling nicht zuletzt zu einem Problem historischer Quellenkritik werden lassen.
Anmeldung erbeten untere-mail: stabpost@oesta.gv.at oderTel.: 01-79540-115*
Eintritt frei
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