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01.12.2008
Archivale des Monats (Dezember 2008)

Aus dem Tagebuch des Grafen Karl Zinzendorf
24./25. Dezember 1763, Weihnachten

Zu den wichtigsten erhaltenen Selbstzeugnissen des 18. Jahrhunderts gehören die heute im Haus-, Hof- und Staatsarchiv unter den Nachlässen der Kabinettskanzlei verwahrten Tagebücher des Grafen Karl von Zinzendorf und Pottendorf (5.1.1739, Dresden – 5.1.1813, Wien).

ADM Zinzendorf1

Als Spross des ausgewanderten protestantischen Zweiges einer ursprünglich aus Niederösterreich stammenden Familie kam er nach Studien in Jena und Anfängen im kursächsischen Staatsdienst 1761 auf Einladung seines Halbbruders Ludwig von Zinzendorf nach Wien. Aus dem geplanten Kurzbesuch wurde ein Aufenthalt für den Rest seines Lebens. Intelligent, gebildet und anpassungsfähig, gewann Karl von Zinzendorf als Schützling des Staatskanzlers Wenzel von Kaunitz schnell Maria Theresias Gunst; daneben öffneten sich ihm die Türen zu den Salons der wichtigsten Adelsfamilien. Seine Tagebücher zeigen ihn als wahren „hommes de lettres“, der neben seinem steilen Aufstieg in oberste Ämter der österreichischen Finanzverwaltung und am Wiener Hof stets auch seine geistigen und kulturellen Interessen im Auge behielt und dadurch ein unübertroffen eindringliches und vielfältiges Bild der Wiener und europäischen höfischen Gesellschaft von der Zeit Maria Theresias bis zu Franz II./I. zeichnete.

ADM Zinzendorf2

Zinzendorfs Tagebücher umfassen 57 Bände und weitere 19 Bände mit Anhängen und umspannen einen kontinuierlichen Zeitraum von mehr als 50 Jahren. Sie sind in französischer Sprache mit vereinzelten deutschen Einschüben verfasst und mit zarter, teils nur schwer lesbarer Hand geschrieben.

Im Text ist stets die allgemeine mit der persönlichen Entwicklung des Autors verwoben; interessant ist etwa die unter dem Eindruck des neuen Lebens in Wien vollzogene Überwindung seines bis dahin protestantisch-pietistisch geprägten Glaubens- und Wertesystems: Genötigt durch seinen Bruder Ludwig vollzog Karl von Zinzendorf in Wien bald die karrierefördernde Konversion zum Katholizismus. (Erwähnung findet dieses für Zinzendorf stets problematisch gebliebene Thema etwa zu Beginn des hier präsentierten Eintrags aus dem 8. Band zum 24.12.1763).

Den für den Leser besonders aufschlussreichen Hang zur (religiösen) Selbstbetrachtung und -kritik verlor er jedoch zeitlebens – auch inmitten einer laizistisch geprägten adeligen Welt von Soupers und Diners, von Musik-, Tanz- und Theateraufführungen, von Landpartien, galanten Abenteuern und anderen Zerstreuungen – nicht (siehe 24.12./ Schluss: « J´eus tort de retourner chez moi si tard, une méditation sur le grand objet de la fête de demain eut été mieux que cela. »).

Zitat: HHStA Kabinettsarchiv, Tagebuch Zinzendorf Bd. 8 (1763), fol. 197r

Gerhard Gonsa

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