Versteigerung des Wittelsbacher Diamanten in London
Eine aufgrund der engen Berührungen mit der österreichischen Geschichte und ihren Dokumenten auch hier bemerkenswerte Meldung bewegt dieser Tage die breite Öffentlichkeit in Bayern: Der bis vor kurzem als verschollen geltende „Wittelsbacher Diamant“ (auch „Blauer Wittelsbacher“ genannt) soll am 10.12.2008 bei Christie´s in London versteigert werden, der Schätzwert beträgt 9 Mill. Pfund (11,3 Mill. Euro).
Schon aufgrund eines Gewichts von 35,56 Karat, das ihn zum weltweit zweitgrößten erhaltenen Diamanten der äußerst seltenen Farbe blau macht, ist der Stein außergewöhnlich. Gänzlich einzigartig macht ihn jedoch nicht sein materieller, sondern sein ideeller Wert: Die wahre Sensation für betuchte Sammler ist die unschlagbar lange und ehrwürdige Geschichte des Wittelsbacher Diamanten, auf die seitens des Auktionshauses Christie´s ausdrücklich hingewiesen wird (Press Release vom 3.11.2008).
Tatsächlich ergaben verdienstvolle Nachforschungen des Münchener Hochdruck-Chemikers und Universitätsprofessors Jürgen Evers, der sich der Aufgabe unterzog, den Weg des Diamanten durch die Geschichte erstmals quellenmäßig fundiert aufzuarbeiten und dabei in den Jahren 2006/07 wiederholt Rechercheaufträge an das Haus-, Hof- und Staatsarchiv erteilte, einen imponierenden „Stammbaum“: Wohl von der spanischen Infantin Margarita Teresa für ihren Bräutigam Kaiser Leopold I. anlässlich ihrer Hochzeit 1666 von Spanien nach Wien mitgebracht, kam der Diamant 1722 mit der überreich mit Schmuck ausgestatteten Erzherzogin Maria Amalie nach München, als diese den bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht, den späteren Kaiser Karl VII., heiratete.
Im Inventar aller Preziosen Maria Amalies (München, 13. Dezember 1722, Signatur: HHStA Familienurkunden Nr. 1882) wird beim Diamantschmuck gleich unter Nr. 1 „Ein grosser blauer Brillant, umb und umb mit kleinen Brillanten garnirt“, erwähnt, siehe Abbildung.
Seit 1806 zierte der nunmehrige „Wittelsbacher“ Diamant die Krone des neuen Königreichs Bayern und wurde damit zum Haus- und Staatssymbol. Nach 1918 kam die Krone in den Wittelsbacher Ausgleichsfonds, eine Landesstiftung, in die die Kunstgegenstände und Schmuckstücke des Hauses eingebracht wurden. 1931 – in Zeiten wirtschaftlicher Not – erhielt das Haus Wittelsbach seitens der bayerischen Staatsregierung die Genehmigung, den Diamanten zu verkaufen, beauftragt dazu war schon damals das Auktionshaus Christie´s. Es kam kein Gebot zustande, der Stein verschwand daraufhin von der Bildfläche. Sein weiteres Schicksal blieb bis vor kurzem weithin unbekannt. In der 2006 in der Münchener Residenz präsentierten Ausstellung „Bayerns Krone 1806. 200 Jahre Königreich Bayern“ fehlte das wertvollste Stück – anstelle des Wittelsbacher Diamanten steckte im Globus am Gipfel der Königskrone bloß eine Nachbildung.
Einzelheiten zum Weg des Blauen Wittelsbachers bis in die Gegenwart wurden kürzlich von Jürgen Evers in der Süddeutschen Zeitung publiziert („Das Ringen um den blauen Wittelsbacher“, SZ vom 5.11.2008), eine wissenschaftliche Publikation wird demnächst in der amerikanischen Fachzeitschrift Gems & Gemology erscheinen (2008, vol. 44, no. 4/winter; Rudolf Dröschel, Jürgen Evers and Hans Ottomeyer, „The Wittelsbach Blue“).
Durch das plötzliche Wiederauftauchen des Diamanten – Verkäuferin ist mit großer Wahrscheinlichkeit Frau Heidi Horten – gewannen bis dahin rein „akademische“ Nachforschungen plötzlich breites, internationales Medieninteresse und dazu ungeahnte gesellschaftliche Relevanz in Bayern und Deutschland: eine erfreuliche Belohnung von Archivarbeit, die in der Regel bekanntermaßen ausbleibt!
Dem Historiker und Archivar zeigt dieser Fall den sehr „realen“ Stellenwert seines Tätigkeitsfeldes im Bewusstsein der Zeitgenossen. So sieht sich der Freistaat Bayern bereits öffentlich aufgefordert, den Rückkauf des Diamanten in die Schatzkammer der Münchener Residenz zu unterstützen. Die Bieterkonkurrenz dürfte allerdings – Wirtschaftskrise hin oder her – beachtlich werden. Vom Zauber des Historischen bewegte Kapitalisten und Sammler aus aller Welt werden in London erwartet.
Gerhard Gonsa
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