Das Österreichische Staatsarchiv und die Gesellschaft für vergleichende Kunstforschung in Wien laden zum Vortrag von Dr. Mathias F. Müller, BM für Unterricht, Kunst und Kultur.
Machtsymbole im Allgemeinen wie auch Rangabzeichen im Besonderen waren stets Abbilder gesellschaftlicher und sozialer Ordnungsstrukturen. Diese äußerlichen Zeichen verbunden mit der höfischen Prachtentfaltung schufen eine für jedermann sichtbare Hierarchie.
Besonders im feudalen Gesellschaftssystem wurde klar zwischen Regent und Regierten unterschieden. Aus dieser alten Tradition wie aus den Ideen und Ansprüchen, die mit den Ordensgemeinschaften generell verknüpft werden, erklärt sich das hohe Interesse an ihnen auch in der heutigen Zeit. Es hat immer ein Mysterium um diese Orden gegeben, da man sie als geheimnisvoll, vornehm oder als elitär empfand. Es existierte ein Gefühl, dass es sich um eine andere Welt handeln würde, die andere Werte vertritt oder vielleicht einen tieferen Lebenssinn vermittelt. Einer dieser Orden, der damals wie heute ein enorm hohes Ansehen besitzt und für manche Menschen beinahe den Charakter eines Mythos angenommen hat, ist der Orden vom Goldenen Vlies.
Herzog Philipp der Gute von Burgund (Dijon 1396–1467 Brügge) proklamierte während seiner Hochzeitsfeierlichkeiten mit Isabella von Portugal im Januar 1430 den Orden vom Goldenen Vlies.Der Orden bestand anfänglich aus einer feststehenden Anzahl von 31 Mitgliedern, plus Chef bzw. Ordenssouverän sowie den vier Ordensoffizieren, die für das Funktionieren des Ordens verantwortlich waren. Man könnte sie deshalb als ausführende Organe des Ordens bezeichnen. Neben burgundisch-niederländischem Adel wurden diejenigen europäischen Fürsten Mitglieder des Ordens, die selbst auch aus machtpolitischen Gründen ein Interesse am Orden vom Goldenen Vlies hatten.
Durch die Personalunion in Erzherzog Karl von Österreich als Herzog von Burgund, König von Spanien und Römischer Kaiser wurde auch eine bis dato nicht gekannte Internationalisierung des Ordens eingeleitet, die zum Großteil schon damals die glanzvolle Ausstrahlung des Ordens ausmachte und die bis heute nachwirkt. Da in den Statuten des Ordens vom Goldenen Vlies die Koppelung von Regentschaft in Burgund und die Souveränität über den Orden fest geschrieben war, wurde nach Karls Abdankung an Philipp II. sofort auch die Herrschaft über die Niederlande übergeben. Die diplomatische Nutzung des ungeheuer großen Ansehens des Ordens vom Goldenen Vlies spielte daher in der spanischen Außen- und Innenpolitik eine große Rolle. Später erlangten vermehrt österreichische und auch reichseigene Interessen innerhalb des Goldenen Vlieses an Bedeutung.
Nach dem Tod von König Karl II. (Madrid 1661–1700 Madrid), erlebte der Orden vom Goldenen Vlies dann während und kurz nach dem spanischen Erbfolgekrieg politische Brisanz und eine ernste Zerreißprobe, als die Bourbonen und die Habsburger um die Vorherrschaft in Spanien und den dazugehörigen Gebieten rangen. Der Bruder des römisch-deutschen Kaisers, Erzherzog Karl von Österreich (Wien 1685-1740 Wien, seit 1711 Kaiser), bestieg zwar als Karl III. noch den spanischen Thron und übernahm auch die Souveränität über den Orden in Barcelona, doch gleichzeitig beanspruchte Philipp von Anjou als König Philipp V. von Spanien die Würde des Ordenssouveräns.
Von nun an war aus dem anfänglichen Hausorden der Habsburger so etwas wie ein Staatsorden des Heiligen Römischen Reiches geworden, weil sich jetzt die Interessen des Hauses Habsburg als Ordenssouveräne mit den Interessen des Hauses Habsburg als Kaiser des römisch-deutschen Reiches überschnitten und weil Karl VI. sich als Nachfolger Karls V. fühlte und die Internationalität des Hauses Habsburg wie des Ordens vom Goldenen Vlies wieder beleben wollte. Auch wenn diese Hausmachtpolitik durch die Krönung von Karl Albrecht von Bayern zum Kaiser Karl VII. unterbrochen wurde, verlief diese von Karl VI. eingeleitete Politik unter seinen Nachfolgern Franz Stefan von Lothringen (Nancy 1708–1780 Innsbruck), der ohne Kaiser zu sein schon Souverän des Ordens wurde und unter Josef II. (Wien 1741–1790 Wien) und Leopold II. (Wien 1747–1792 Wien) im Wesentlichen fort.
Späterhin wurden auch prominente südosteuropäische Adelsvertreter Mitglieder des Ordens vom Goldenen Vlies. Denn der Orden vom Goldenen Vlies wurde bewusst dafür genutzt, innerhalb des höfischen Ambientes eine übergeordnete Hierarchie einzuführen.
Getragen war der Orden vom Goldenen Vlies durch kulturelle und soziale Rituale, die nicht nur in der Vorstellung, sondern auch in der Wirklichkeit existierten. Die Wahrnehmung dessen unterliegt natürlich einem historischen Wandel, ebenso die innere Haltung und die religiöse Dimension. Lange Zeit schien es, als ob der Orden vom Goldenen Vlies ein nicht materielles und moralisch integeres Fest feiern würde, doch man hat oft überlesen und überhört, dass das dem Orden zugrunde liegende gesellschaftliche System zutiefst pro kapitalistisch und machtpolitisch ausgerichtet war.
Fairer Weise muss man in diesem Zusammenhang betonen, dass viele Entscheidungen und Beschlüsse nicht souverän, sondern oft erst unter dem Druck von Außen getroffen wurden und letztlich der Wahrung und der Verteidigung von macht- und gesellschaftspolitischen Interessen der Dynastie Habsburg und ihren Verbündeten dienten. Wenn man nun nach dem wirklichen Sinn des Ordens vom Goldenen Vlies gerade in der Neuzeit fragen würde, dann könnte man mit modernen Worten vielleicht darauf antworten, dass es sich schlichtweg um ein Habsburger-Netzwerk mit politischem Hintergedanken handelte.
Dienstag, den 20. Jänner 2009 um 18.00 Uhrim Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs,Minoritenplatz 11010 Wien
Anmeldung erbeten unterE-Mail: stabpost@oesta.gv.atTel.: +43 1/53115-2516
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