„Rudolf war immer ein guter Sohn“Mayerling war ganz anders
Ingrid Haslinger - Autorin
Zeit: Dienstag, den 17. März 2009, 11.30 Uhr
Ort: Österreichisches Staatsarchiv Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Dachfoyer Minoritenplatz 1 1010 Wien
Was in Mayerling wirklich vorgefallen ist, läßt sich nicht sagen, solange keine weiteren authentischen Dokumente aufgefunden werden. Ein Schritt zur Klärung der Katastrophe wäre die Öffnung von Rudolfs Sarkophag in der Kapuzinergruft in Wien; die gerichtsmedizinische Untersuchung des Schädels bzw. des Leichnams des Kronprinzen, der ja nach diversen Aussagen noch weitere Verletzungen aufgewiesen haben soll, könnte mit den heutigen technischen Mitteln zur Klärung der Todesursache beitragen, wenn auch nicht das Geschehen wirklich rekonstruierbar machen.
Von der Familie Habsburg kam bis heute kein Beitrag zur Klärung dieser Tragödie; es läßt sich nicht feststellen, was Mitglieder der Familie über den Fall wußten oder noch wissen. Unabhängig davon behandelt die Dynastie – die Jahrhunderte an der Spitze jenes Reichs stand, dessen Nachfolgestaaten Mitteleuropa ausmachen – das schreckliche Geschehen, das die weitere Entwicklung der Monarchie beeinflußte, als reine Privatsache. Im Archiv der Bundespolizeidirektion Wien werden die Akten zu Mayerling immer noch als nicht abgeschlossener Fall geführt.
Dem heißersehnten Thronerben standen zumindest äußerlich alle Möglichkeiten offen. Nachdem der Lapsus mit der Auswahl Gondrecourts als Rudolfs Erzieher bereinigt war, entwickelte sich der Knabe zu einem wissensdurstigen jungen Menschen, dessen Intelligenz seine Lehrer sehr schnell erkannten. Den Mangel an familiärer Zuneigung versuchte Rudolf durch besonders große Zuneigung und Anhänglichkeit seinen Mentoren gegenüber zu kompensieren – die von ihm häufig als Freunde bezeichnet wurden und meist viel älter waren als er. Manche der Briefe aus der Zeit seiner Erziehung bzw. Ausbildung könnte man als altklug bezeichnen. Die frühen Beziehungen zu Frauen, die ihm seitens des Hofs als Ausgleich für zu viel geistige Tätigkeit verordnet wurden und ihm zu gefallen schienen, können auch Ausdruck dafür sein, daß er Liebe und Wärme suchte.
Vor seinem Vater hatte Rudolf immer größten Respekt, vielleicht auch Angst. Er machte den Kaiser nie für seiner Ansicht nach verfehlte politische Entscheidungen direkt verantwortlich. Rudolfs Verhältnis zu seiner Mutter war ambivalent. Er mußte sich mit ihrer Kälte ihren Kindern gegenüber abfinden, später aber die Erfahrung machen, daß Elisabeth bei Marie Valerie zu einer fast übertriebenen Liebe zu einem Kind fähig war – ein Umstand, der ihn sicher tief kränkte und auf die Einzige eifersüchtig machte.
Obwohl Rudolf im offiziellen Geschehen nur so weit verankert war, wie es sein kaiserlicher Vater zuließ, fühlte der Kronprinz bei seinen mannigfaltigen Tätigkeiten große Befriedigung und war stolz auf sein bewegtes Leben, das ihn auch immer wieder streßte, wie wir es heute bezeichnen würden. Sein ungebrochener Arbeitswille, sein Glaube an die Zukunft der Monarchie, seine vielen Verpflichtungen widersprechen deutlich einer behaupteten Drogen- und Alkoholsucht und auch einer angeblichen Geisteskrankheit.
Interessant ist auch, wie rasch sich Rudolf in die von Franz Joseph gewünschte Ehe mit Prinzessin Stephanie von Belgien fügte, gegen die besonders Kaiserin Elisabeth opponierte. Vom Ehestand erwartete sich Rudolf nicht das große Glück (er konnte dies an der Ehe seiner Eltern sehen), er wäre mit ein wenig Geborgenheit und angenehmer Intimsphäre zufrieden gewesen. Dies konnte ihm die ohne elterliche Liebe aufgewachsene, überaus ehrgeizige Stephanie jedoch nur einige Zeit bieten. Dennoch bemühte sich Rudolf bis zu seinem unerwarteten Ende um ein harmonisches Verhältnis mit seiner Frau.
Zahlreiche Menschen, die Rudolf näher kannten, sprachen über den Kronprinzen immer positiv und erwartungsvoll. Seine nicht minder zahlreichen Gegner, von denen einige sehr mächtig waren, fürchteten den geistig beweglichen jungen Fürsten, der ihnen als Kaiser – wäre er es geworden – das Leben sicher nicht leicht gemacht bzw. sie vermutlich durch seine Leute in ihren Funktionen abgelöst hätte.
Anmeldung erforderlich bis 13. März 2009 unterTel: 01 - 712 35 60-15 oderMail: verlag@amalthea.at
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