Verwaltungseliten im Umbruch 1938/1945Vom Ständestaat in die Zweite Republik
Vortrag in der Reihe "Aus der Werkstatt der Forschung"
am Dienstag, den 13. Oktober 2009um 16:00 Uhrim Haus-, Hof- und StaatsarchivDachfoyerMinoritenplatz 11010 Wien
Referenten:Dr. Gertrude Enderle-BurcelDr. Rudolf Jerabek
Der Vortrag geht dem Verhalten der Spitzenbeamten 1934-1938-1945 nach. Die Sektionschefs als Verwaltungselite stehen dabei im Mittelpunkt. In politischen Umbruchzeiten kam ihrem Verhalten besondere Bedeutung zu.
Am Beginn der Republik werden ideologische Vorbehalte der Anhänger der zerfallenden Monarchie gegen die junge Republik sowie der Vertreter der neuen Staatsform gegen die Monarchie deutlich. Konservative Grundhaltungen – katholisch, kaiser-, bzw. dynastietreu und in der Mehrzahl "deutsch" waren jene Gegebenheiten, mit denen die ersten Regierungen der Republik Österreich bei den Beamten rechnen mussten. In Österreich hatte weder am Beginn der Republik, noch in den dreißiger Jahren eine große, grundsätzliche Debatte über das Beamtentum stattgefunden.Mit zunehmender politischer Radikalisierung gewann die Frage nach dem politischen Verhalten der Beamten immer mehr an Bedeutung. Beamte, die nicht voll für den Regierungskurs eintraten, versuchte man durch immer schärfere Handhabung des Disziplinarrechtes zu eliminieren. Nach Bürgerkrieg und nationalsozialistischem Putschversuch wurde der öffentliche Dienst mit nicht unbeträchtlichem Aufwand durchleuchtet.
Für die Gruppe der Sektionschefs lassen sich keine Disziplinarverfahren im Zusammenhang mit den Februar- und Juliereignissen des Jahres 1934 feststellen. So sehr Bürgerkrieg und Putsch des Jahres 1934 tiefe Einschnitte in der Geschichte Österreichs darstellen, so wenig waren sie für die Beamtengruppe der Sektionschefs einschneidend.
Die Kontinuität der Hochbürokratie blieb bis zur Zerstörung der Eigenstaatlichkeit Österreichs weitgehend erhalten. Die Sektionschefs waren Mitträger des antidemokratischen Kurses der Regierungen Dollfuß und Schuschnigg, hatten sich in unterschiedlicher Stärke an der Verfolgung von Nationalsozialisten beteiligt und mussten somit 1938 Opfer des Nationalsozialismus werden. Der Vortrag geht im Detail auf das Schicksal der jüdischen Spitzenbeamten, auf die Säuberungsmaßnahmen unter den Sektionschefs und auf das Verhalten der österreichischen Beamten 1938 ein.
Ebenso wird auf den Aufstieg österreichischer Beamter von der mittleren Ebene in Leitungspositionen im Dienste des Dritten Reiches eingegangen. Die NSDAP-Mitglieder unter den österreichischen Spitzenbeamten zeigen eher bescheidene Karriereverläufe. Eine Parteimitgliedschaft bedeutete nicht automatisch eine Wieder- oder Weiterbeschäftigung.1945 war unter den Spitzenbeamten der "ersten Stunde" kein ehemaliges Mitglied der NSDAP. Selbst bei Erweiterung des Betrachtungszeitraumes auf die Jahre 1945 bis 1950 änderte sich nichts. Die Ausschaltung ehemaliger Nationalsozialisten war auf höchster Beamtenebene gelungen.
Mit einer kollektivbiographischen Auswertung wurde den strukturellen Veränderungen zwischen der Ersten und Zweiten Republik nachgegangen.
An Hand der Eckdaten zu Geburtsländern, soziale Herkunft, Ausbildung, Anteil von Adeligen, Religion, Mitgliedschaft bei CV und Parteien wird gezeigt wie sich der Wandel in Gesellschaft und Politik auch in der Hochbürokratie im Laufe von mehr als dreißig Jahren und drei, bzw. vier politischen Systemen niederschlägt. Die kollektivbiographischen Auswertungen zeigen insgesamt recht deutlich, daß Traditionen bei der Rekrutierung und Verhaltensmuster in der Hochbürokratie lange nachwirken.
Die Darstellung der Veränderungen der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Einzelschicksale und die kollektivbiographischen Auswertungen verdeutlichen die Komplexität des Forschungsgegenstandes Verwaltungseliten.
Eintritt frei
Um Anmeldung wird gebeten unterstabpost@oesta.gv.at oderTel.: 01-79540-115
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