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09.02.2010
Archivale des Monats (Februar 2010)

Mätresse, Juwelen und ein Graf

Dichtung und Wahrheit sind zwei Bereiche die manchmal gar nicht so einfach auseinanderzuhalten sind weil sie fast unauflöslich miteinander verwoben sein können. Dies trifft vor allem bei Prozessakten zu, die sich mit Unterhaltszahlungen beschäftigen. Das ist heute so und war auch vor dreihundert Jahren nicht anders, als von 1737-1763 vor dem Reichshofrat in Wien ein Prozess abgehandelt wurde, in dem eine verstoßene Mätresse von ihrem ehemaligen Geliebten, einem Grafen, mehr Unterhalt forderte.

ADM 0210-Akt mit Beilage

Die Geschichte beginnt in Wertheim, einem Dorf zwischen Spessart und Odenwald, am Zusammenfluss von Main und Tauber. Marie Philippine Müller, eine Tochter aus bürgerlichem Hause, jedoch schon mit 13 Jahren Vollwaise geworden, beginnt mit dem Grafen Ludwig Moritz zu Löwenstein-Wertheim ein Techtelmechtel, das nicht ohne Folgen blieb. 1731 wird ihre Tochter Louise Marie geboren. Über die Vaterschaft gibt es keine Zweifel, weder jetzt noch später. Der Graf organisiert die Entbindung und kümmert sich auch sonst um sie – die Mutter jedoch will er nicht mehr sehen, obwohl er auch ihren Unterhalt bestreitet. Als Marie Müller mehr wollte, aber kein Gehör fand, wandte sie sich um Unterstützung nach ganz oben, an den Herzog von Württemberg und seinen Hoffaktor und Finanzberater Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß. Der Oppenheimer war als galanter Kavalier bekannt und soll auch ihr näher gekommen sein. Als der Herzog überraschend starb, ging es auch mit Oppenheimer bergab. Der Jude musste als geeigneter Sündenbock für Alles, worunter die Württemberger zu Zeiten des Herzogs gelitten hatten, herhalten. In einem Prozess zum Tode verurteilt, baumelte seine Leiche noch sechs Jahre am Galgen – zur Abschreckung.

Solcherart ihrer hohen Unterstützung verlustig geworden, geht Marie nach Wien - denn über jedem Herzog steht der Kaiser. Im Herbst 1737 beginnt sie dort vor dem Reichshofrat einen Prozess gegen Graf Ludwig Moritz Löwenstein-Wertheim. Sie will eine Leibrente und beschuldigt ihn, sein Eheversprechen gebrochen zu haben.

ADM 0210-Juwelen

Der Prozess dauert 26 Jahre. Kommissionen werden eingesetzt, Protokolle verfasst, Gutachten erstellt. Die Prozessunterlagen, die sich in der Oberen Registratur 733 des Reichshofrates befinden, umfassen nahezu 1400 Blätter. Darunter befindet sich auch ein beschlagnahmter Brief (Abbildung), mit einer besonderen Aktenbeilage: zwei Ohrringe aus dem Besitz von Marie Müller.

1741 stirbt Graf Ludwig Moritz, die Forderungen richten sich nun an seine Erben. Maries Anwalt geht aufs Ganze. Er fordert mehr als 43.000 Gulden, und zwar rückwirkenden Unterhalt, Entschädigung für Eheversprechen, Anteil am Erbe des Grafen. Aus alledem wird nichts. Marie, die alle diese Jahre in Wien wohnte, und sich als Madame à Löwenstein bezeichnete, nagt am Hungertuch. Nun ergeht ein Urteil: Kein Unterhalt, aber wegen der Armut der Klägerin sollen die Wertheimer Grafen ihr 200 Gulden auszahlen. Ihre Tochter Marie Louise war bereits 1751 verstorben. Nach Ende des Prozesses verliert sich ihre Spur.

Nach einer Metallanalyse durch die Österreichische Punzierungsanstalt enthalten die Fassungen der beiden Ohrringe massives Silber. Die Anhänger selbst bestehen jedoch nur aus farbigem Glas, wenngleich sie einen Feinschliff nach der Art des 18. Jahrhunderts aufweisen.

Zitat: AT-OeStA/HHStA RHR OR 733

Michael Göbl

Transkription

Archivale des Monats 02210/Transkription1

1735 Stuttgardt
d. 17. August Windtholz C C 177

Madame

Gestern und heute bin unvermindert umb-
geloffen, einen Advocaten auszusehen, der
den Process übernehmen thäte, worzu
zwar gleich Leuthe gefunden die umbs
Gellt selben übernemmen, aber sich wenig
bekhümmern würden, was darin ausge
richt werden möchte. Weil nun
hier keiner anzutreffen, der einen Prozess
am höchst preißlichen Reichshofrat zu
führen gesehen oder gelernet. So kann
auch keinen allhier - sondern wollte
vielmehr anraten, man sollte trachten
Herrn Syndicum Saltzmann zuerfragen,
/: als welcher nimmer in Durlach sondern in
oder nahe bei Heilbronn wohnen w(ürde)
und selbigen zugewinnen, dass der(selbe)
dißen Prozess übernemen möge,

Archivale des Monats 022010/Transkription2

Er wissent dergleichen auß dem Fundament
verstehet, sondern auch einen Schwager
zurm Reichshofrat den großen
Vortheil vor anderen in Wien zu agieren
hat, mashen vihl wo nicht alles an
dem gelegen, dass der Anfang
und die erste Schrift ex fundamento
angegangen und zu Papier ge-
bracht wird, welches der ganzen sach
vihl nutzen oder Schaden, auch bälder
zu End bringen im Gegentheil
aber verzögern kann, wie diesen
von guthen Freunden ein beleuchtet
worden, aber zu überschreiben vihl
zu weitleurst wäre, zu geschweigen
daß der Advocat dergl(eichen) Botschaften

Archivale des Monats 022010/Transkription3

Missliebig ansehen dürfte, mittler-
weile remittiere die mir zuge-
sandte Acten, wüntschen einen glück-
lichen Success und Ausgang der Sach
und beharre mit vihler estime
Madame

Votre tres humble
Serviteur
Wiedholz

Stuttgardt
d. 17. April 1735

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