Aufenthalt des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Wien am 20. und 21. September 1910
Kaiser Wilhelm II. besuchte Wien im September 1910 im Rahmen seiner Rückreise von England, wo er sich aus Anlass der Thronbesteigung König Georgs V. von Großbritannien aufgehalten hatte. Der deutsche Kaiser verliess die britische Insel am Abend des 14. September und traf am 16. September in Mohács in Ungarn ein. Hier begab er sich an Bord eines Donauschiffes, welches ihn zum Jagdhaus Karapancsa brachte. Im Revier von Erzherzog Friedrich jagte der Monarch die nächsten Tage. Am Abend des 19. Septembers reiste er mittels Hofseparatzug von Mohács über Pécs, Steinamanger, Ödenburg und Wiener Neustadt nach Wien, wo er am Dienstag den 20. September vormittags eintraf.
Am Bahnhof Hetzendorf wurde Wilhelm II. von Franz Joseph I. und den in Wien anwesenden Erzherzögen, welche preussische Uniform trugen, empfangen. Von Hetzendorf fuhr die Gesellschaft in Kutschen nach Schönbrunn, wo dem hohen Besucher sowohl von den städtischen Würdenträgern im Garten als auch von den Erzherzoginnen in der Kleinen Galerie die Aufwartung gemacht wurde.
Der deutsche Kaiser und sein Gefolge wurden in Schloss Schönbrunn einquartiert, wobei Wilhelm II. das große Fremdenappartement bewohnte. Als Besonderheit sei hier erwähnt, dass sowohl die Wohnräume des deutschen Kaisers, seines Oberhofmarschalls Graf Eulenburg und seines Gefolges mit Telefonanschlüssen ausgestattet waren. Für die Telefonnummern wurden eigens Drucksorten vom Zeremonialdepartement beauftragt.
Am späten Vormittag empfing der deutsche Kaiser im Garten von Schönbrunn eine Deputation des Husarenregiments Nr. 7, welche dem Monarchen Glückwünsche zum 25jährigen Inhaber-Jubiläum überbrachte und dem Gefeierten einen Ehrensäbel überreichte. Wilhelm II. erschien zu diesem Anlass in der Oberstuniform dieses Husarenregiments. Das Dejeuner wurde im Maria Theresiazimmer nur mit den Suiten eingenommen. Nachmittags besuchte der deutsche Monarch die Kapuzinergruft, wo er an den Särgen von Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf einen Kranz niederlegte. Nach dem Familiendiner in der Kleinen Galerie von Schloss Schönbrunn fuhr man mit Automobilen zu Erzherzog Franz Ferdinand nach Schloss Belvedere, wo mit einer glanzvollen Soirée die Aktivitäten des ersten Besuchstages beendet wurden.
Das Programm für den 21. September 1910 umfasste einen Besuch im Wiener Rathaus, wo der Bürgermeister vor versammeltem Gemeinderat eine Ansprache an den Kaiser hielt. Außerdem besichtigte Wilhelm II. das Bild „Huldigung der deutschen Bundesfürsten vor Kaiser Franz Joseph 1908“, ein Werk von Professor Franz Matsch. An ein Dejeuner beim deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky reihte sich der Besuch der Ersten Internationalen Jagdausstellung auf dem Areal der Rotunde im Wiener Prater.Abschluß und Höhepunkt des Besuches stellte die am Abend in der Großen Galerie zu Schönbrunn stattfindende Allerhöchste Tafel für 122 Personen dar. Die Generäle hatten in preussischer, die übrigen Militärpersonen in Paradeuniform, die Zivilpersonen im Frack mit preussischen Orden zu erscheinen. Als Toilette für die Damen war das halbhohe Kleid bestimmt. Das festliche Essen wurde von einem Musikprogramm mit Werken von Strauß, Lehar und Ziehrer umrahmt. Es spielte die Kapelle des k.u.k. Infanterieregiments Nr. 19, welche im Karusselzimmer untergebracht war.
Direkt nach dem Abschluß des Festbanketts erfolgte die Abreise des deutschen Kaisers vom Bahnhof Penzing mit Hofseparatzug über Sigmaringen nach Berlin, wo er am 23. September 1910 eintraf.
Signatur: Haus-, Hof- und Staatsarchiv, NZA Kt. 456 Konvolut Besuch des deutschen KaisersSignatur: Haus-, Hof- und Staatsarchiv, SB FA Folliot-Crenneville Fotografien 27
Irmgard Pangerl
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