Ein Rückblick auf die Olympischen Spiele vor 100 Jahren
Das Österreichische Staatsarchiv verwahrt im Archiv des ehemaligen k. u. k. Ministerium des Äußern auch einige interessante Dokumente zur Geschichte der Olympischen Spiele in Österreich. Unter der Signatur AT-OeStA/HHStA MdÄ AR F60-208-1 finden sich spannende Akten zur Frühzeit der Olympischen Spiele. Die Akten enthalten vor allem Informationen zu den olympischen Zwischenspielen in Athen 1906, zu den Spielen in London 1908, zu den Spielen in Stockholm 1912 und danach noch einige Unterlagen zu den 1914 geplanten, aber dann aus finanziellen Problemen bereits 1913 abgesagten Zwischenspielen in Athen 1914.
Wir präsentieren an dieser Stelle Dokumente zur Geschichte der Olympischen Spiele 1912 in Stockholm. Aus österreichischer Sicht verliefen diese Spiele sportlich eher enttäuschend, das Österreichische Olympische Komitee führte dies auf den bisher nicht eingeführten Schulsport zurück. Gut, mittlerweile wurde dieser ja in Österreich eingeführt, dennoch fehlt es an Medaillen.
Im Vorfeld der Spiele kam es zu einem vermehrten Notenwechsel zwischen dem österreichischen Gesandten in Stockholm, Konstantin Theodor Dumba, und dem Außenministerium in Wien. Grund war, wie so häufig in der Monarchie, das Nationalitätenproblem. Vor allem die Frage, unter welcher Flagge die Böhmen einmarschieren sollten, wurde lang und breit zwischen Wien und Stockholm diskutiert. Dumba war gezwungen, diese Frage auch mit dem Organisationskomitee der Spiele zu erörtern. Am Ende fand sich schließlich eine gangbare Lösung, nicht aber ohne vorher umfangreiche staatsrechtliche Fragen wegen der Stellung Ungarns und Böhmens anläßlich der Aufstellung der Listen des Internationalen Olympischen Komitées gewälzt zu haben, die der Akt dementsprechend ausführlich dokumentiert.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass Dumba nach Beendigung der Spiele zu Beginn seines Berichts nach Wien folgendes mitteilt: „Zunächst gereicht es mir zum Vergnügen melden zu können, dass unseren Wünschen auf staatsrechtlichem Gebiete vollinhaltlich Rechnung getragen worden ist. Der Einzug erfolgte in der von mir verlangten Reihenfolge: Oesterreicher [Czechen] Ungarn. Ganz ohne Unkorrektheit gingen aber die Czechen doch nicht vor. Zunächst hatten sie schriftlich von Prag aus gegen meine auf Grund der einschlägigen Weisungen [Im Original steht „Instructionen“, das wurde durchgestrichen] an das schwedische Comité erfolgten Mitteilungen protestiert. Noch am Tage vor dem feierlichen Einzuge kam der Sekretär der Czechen zuerst zum Grafen Kolowrat, dann zu mir und wollte die Ermächtigung seiner Gruppe die Handelsflagge voranzutragen, erwirken. Es zeigte sich sodann, dass die Czechen ohne eine schwarz-gelbe Fahne angekommen waren, welche im letzten Augenblicke gekauft werden musste. Beim Einzug entfalteten nunmehr meine czechischen Landsleute eine ungeheuere weisse Landesflagge mit dem Löwen, deren Dimensionen sie bis dahin sorgfältig geheimgehalten hatten. Die schwarzgelbe Fahne daneben war kleiner und blieb hinter dem ihnen vom Grafen Kolowrat vorgeschriebenen Maase zurück. Nachträglich entschuldigten sie sich damit, dass die österreichische Fahne nicht in so grossen Dimensionen zu finden war. Der Tric war aber gespielt. Ich hielt es nicht der Mühe wert die kleine Perfidie weiter zu relevieren, ich begnügte mich die ganze Vorgangsweise Dr. Guth gegenüber für eine Dummheit zu erklären. Zu weiteren Complicationen mit der Fahne kam es nicht, da die Czechen keinen einzigen Sieg erfochten, mithin die Frage der Aufziehung der nationalen Flagge unter der schwarz-gelben Fahne nicht aktuell wurde“. Danach berichtet Dumba über seine Bemühungen um die Athleten und kommt danach zum sportlichen Erfolg des Teams, der uns merkwürdig vertraut erscheint, wobei man 1912 erfolgreicher als bisher im Jahr 2012 war: „Wenn ich zu den prämierten Leistungen unserer Nationalen übergehe, so ist es mir leider möglich mich sehr kurz zu fassen. Oesterreich brachte es nur zu 6 Punkten. Hievon kommen zwei auf eine silberne Medaille, d. h. den 2. Preis im Lawn-tennis Doppelspiele, den ein Wienerpaar gegen das beste französische Paar errang. Ein Punkt, d.h. ein dritter Preis wurde im Fleuret Fechten von Leutnant Verderber errungen, während die zwei ersten Preise in dieser Concurrenz zwei Italienern zufielen. ... Endlich fiel der zweite Preis im Säbelfechten der österr. Equipe zu, in der wieder Leutnant Verderber und Dr. Herschmann, der Praesident des Centralverbandes oesterr. Sportinteressen glaenzende, vielbewunderte Assauts ausfochten. Sie mussten aber den ersten Platz der ungar. Säbelgruppe überlassen, da zwei der besten Säbelfechter, Lt. Svetko und Lt. Trampler kampfunfähig geworden waren“. Abschließend wirft Dumba noch einen kritischen Blick auf die Lage des Sports in der Monarchie: „Es ist nicht zu verkennen, dass Sport und Athletik in unserer Monarchie noch in den Kinderschuhen stecken – dies gilt insbesondere von Oesterreich, d. h. Wien und Gratz, denn Prag ist durch ältere Organisation und ernste Arbeit diesbezüglich schon voraus“. Dumba sieht danach im Sport vor allem für die „höheren und mittleren Classen“ die Möglichkeit Körper- und charakterbildend tätig zu sein.
Von den österreichischen Medaillengewinnern besonders erwähnenswert ist Dr. Otto Herschmann, der als bisher einziger aktiver Präsident eines nationalen olympischen Komitees auch gleichzeitig eine Medaille gewinnen konnte. Herschmann gewann 1896 auch eine Silbermedaille über 100 Meter Freistil. Herschmann wurde wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten verfolgt, im Jahr 1942 von den Nationalsozialisten in das Lager Sobibor deportiert und starb im Durchgangslager Izbica. Der zweite überaus erfolgreiche Fechter war Richard Verderber, der im Florett Einzel Bronze und mit der Säbelmannschaft Silber gewann. Verderber gehörte dem k. u. k. Militär Fecht und Turnlehrerinstitut in Wiener Neustadt an und gilt als der beste österreichisch Fechter vor dem 1. Weltkrieg.
Das Österreichische Staatsarchiv präsentiert folgende Dokumente:
Nr. 48735: Brief Konstantin Dumbas vom 24. Juli 1911 über die Wappen auf den Affichen für die olympischen Spiele (PDF 3002 kB)
Nr. 50385: Brief Konstantin Dumbas vom 31. Juli 1911 über die bevorstehenden olympischen Spiele und die Problematik der Teilnahme des Sokolverbandes als Vertreter Böhmens (PDF 4194 kB)
Nr. 53848: Stellungnahme des k.k. Ministerpräsidiums vom 9. August 1911 zur Frage der Teilnahme von Böhmen, die Vertretung Böhmens im IOC und zur Flaggenfrage (PDF 1695 kB)
Nr. 27944: Schreiben des Kriegsministeriums wegen der Teilnahme von Offizieren an den Reit- und Fechtkonkurrenzen (PDF 1099 kB)
Nr. 39550: Brief Konstantin Dumbas vom 7. Juni 1912 an das Außenministerium wegen der Teilnahme Böhmens und Ungarns an den Olympischen Spielen (PDF 3251 kB)
Nr. 44850: Brief Konstantin Dumbas vom 30. Juni 1912 über die Durchsetzung, dass die Böhmen als „czechische Untergruppe der Nation Österreich“ an den Olympischen Spielen teilnehmen (PDF 3789 kB)
Nr. 46465: Brief Konstantin Dumbas vom 6. Juli 1912 über die Reihenfolge Österreich-, Ungarn beim Einzug und die Teilnahme Ungarns an den Olympischen Spielen (PDF 1300 kB)
Nr. 53692: Umfangreicher Bericht Dumbas vom 3. August 1912 über die olympischen Spiele in Stockholm, die österreichischen Erfolge, das Abschneiden Ungarns (PDF 7207 kB)
Programm 1912: Offizielles Programm der Olympischen Spiele 1912 in Stockholm (PDF 8073 kB)
ÖOC Bericht 1912: Offizieller Bericht des ÖOC zum Abschneiden bei den Olympischen Spielen 1912, unterzeichnet von Otto Fürst Windisch-Graetz und Dr. Otto Herschmann (PDF 1609 kB)
Telegraphen Korrespondenz vom 6. Juli 1912: Bericht über die Eröffnung der Olympischen Spiele 1912 in Stockholm (PDF 635 kB)
Links zu Otto Herschmann: http://www.jewishsports.net/BioPages/OttoHerschmann.htmhttp://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Herschmann
Zum k. und k. Militär-Fecht- und Turnlehrer-Curs in Wiener Neustadt: https://fedora.phaidra.univie.ac.at/fedora/get/o:2039/bdef:Asset/view
Link zum zitierten Akt: http://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=2213023