Der Fußballgott und sein Altar

von Ralf Hillebrand (Salzburger Nachrichten) für eurotours

Vor dem Champions-League-Duell gegen Dortmund gedenken die Fans des SSC Neapel dem "wahren Gott" und dem "schwarzen Jahr". Ein Fanatismus, der sogar Auswirkungen auf den Kader des FC Bayern hat.

Barbesitzer Bruno

Barbesitzer Bruno vor seinem Maradona-Altar. (© SN/Hillebrand)

Eigentlich ist die Bar Nilo eine Kneipe wie die meisten anderen in Neapel: klein, einfach, rustikal. Doch die Bar Nilo unterscheidet sich wesentlich von den anderen in der italienischen Millionen-Metropole: Vor dem Lokal steht ein Altar. Ja richtig, ein Altar – gewidmet der lebenden Fußballlegende Diego Armando Maradona. "In Neapel gibt es viele Altäre vor Privathäusern. Dort wurden vor der Erfindung der Elektrizität Kerzen aufgestellt, um Licht in die Straßen zu bringen. Mein Altar ist aber dann doch ein wenig anders", erzählt Barbesitzer Bruno mit einem Augenzwinkern. Der Fußballfanatiker hat den Altar bewusst nur Maradona gewidmet. "Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin ein riesiger Napoli-Fan und somit all unserer Spieler – aber es gibt halt nur einen Gott."

Vom FC Barcelona bis zum "schwarzen Jahr"

Diego Maradona kickte sieben Jahre für den SSC Neapel. Noch bis heute ist ungeklärt, woher Vereinspräsident Corrado Ferlaino das Geld hatte, um den Star im Jahr 1984 vom FC Barcelona loszueisen. Mit Maradona wurde Neapel erstmals Meister – und brachte somit eine ganz neue Form von Selbstbewusstsein in die Stadt.

Wie stark der Maradona-Fanatismus heute noch ist, zeigt die Aufmachung des Altars vor der Bar Nilo. Neben mehreren Fotos und Zeichnungen des Fußballhelden wurde auch ein Haar von Maradona fein säuberlich aufgebahrt. Daneben liegt ein Gefäß mit gesammelten Tränen aus dem "anno nero 1991", also dem "schwarzen Jahr 1991". In dem Jahr verließ Maradona nach einem Drogenskandal den SSC Neapel. Diese Zeit erlebten übrigens auch die italienischstämmigen Eltern von Bayern-Verteidiger Diego Contento. Und tauften deshalb ihren Sohn mit vollem Namen Diego Armando (Valentin) Contento.

"Goldene Generation" mit spanischem Einfluss

Die aktuelle Mannschaft hat es in Neapel schwer, mit Maradona mitzuhalten. Dennoch träumt die Stadt von einer neuen "Goldenen Generation". Für die Euphorie sorgt vor allem die Entwicklung in den vergangenen Jahren. Seit Walter Mazzarri das Team im Jahr 2009 übernommen hatte, ging es für die "Napolitani" stetig bergauf: Nach dem Pokalsieg 2011 wurde man vergangene Saison Vizemeister hinter Juventus Turin. Ein Fixplatz in der aktuellen Champions League war die Folge.

Vor der neuen Saison musste der Verein Erfolgscoach Mazzarri (zu Inter Mailand) und Stürmer Edison Cavani (zu Paris Saint-Germain) ziehen lassen. Die Antwort wurde auf Spanisch gegeben: Neu-Coach Rafael Benítez holte gleich drei Spieler von Real Madrid, etwa für 37 Millionen Stürmer Gonzalo Higuaín. Den spanischsprachigen Block verstärkte noch Goalie Pepe Reina, der vom FC Liverpool ausgeliehen wurde.

Selbstbewusst gegen Dortmund

Der iberische Einfluss weckt bei den Fans große Hoffnungen. Von einem "Tiki-Taka auf Neapolitanisch" spricht etwa Edel-Fan Alfonso. "Freilich können wir den Stil des FC Barcelona nicht auf gleichem Niveau nachspielen. Aber so weit weg sind wir dann doch nicht." Nach drei Siegen in drei Meisterschaftsspielen gehen die Süditaliener entsprechend selbstbewusst in das Champions-League-Auftaktspiel am Mittwoch gegen Dortmund. Alfonso: "Wir können den BVB schlagen. Ich bin sogar überzeugt, dass wir in dieser schweren Gruppe mit Arsenal und Marseille weiterkommen."

Dabei muss der SSC Neapel aber auf einen echten "Zehner" verzichten. Das Trikot mit der Nummer zehn wird vom Verein nicht mehr vergeben. Die Begründung: Die Nummer gehört einzig und allein Diego Maradona.

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Ralf Hillebrand

Ralf Hillebrand Foto: Hillebrand

Autor: Ralf Hillebrand
Medium: Salzburger Nachrichten
eurotours-Ziel: Italien (2. bis 6. September 2013)

Artikel "Der Fußballgott und sein Altar" und Bildergalerie auf salzburg.com (Online seit 17. September 2013)

Der Fußballgott und sein Altar (PDF 589 kB) (Veröffentlicht in der Printausgabe der Salzburger Nachrichten, 17. September 2013)

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