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Stefan Zweig im Ersten Weltkrieg

Wegen seiner Untauglichkeit militärischer Pflichten enthoben, sah sich Stefan Zweig bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach einer Tätigkeit um, wo er – wie er in "Die Welt von gestern" schreibt – etwas leisten konnte, ohne hetzerisch tätig zu sein, und so ermöglichte ihm einer seiner Freunde, ein höherer Offizier, im Kriegsarchiv eingestellt zu werden. Zweig, der Kosmopolit und überzeugte Europäer, wurde mit Bibliotheks- und Lektorats-Diensten betraut. Als er im Auftrag des Kriegsarchivs nach Galizien reist, um Originale der russischen Proklamationen und Anschläge in den österreichisch besetzten Gebieten zu sammeln, wird er erstmals persönlich mit den Gräueln des Krieges konfrontiert, die seine schlimmsten Befürchtungen übertreffen. Zweig bemühte sich von da an, aktiv gegen den Krieg Stimmung zu machen. So verfasste er das Anti-Kriegsstück "Jeremias", das zu Ostern 1917 in Buchform erschien und für Zweig selbst zu einem unerwartet großen Verkaufserfolg wurde. Eine Bühnenaufführung des Stücks in Österreich oder Deutschland während des Krieges war nicht möglich; so wird Zweig zu dessen Uraufführung nach Zürich in die neutrale Schweiz eingeladen, und zu seinem eigenen Erstaunen wird ihm dafür Urlaub gewährt. Den Aufenthalt in der Schweiz verlängert er dann für Vortragstätigkeiten – unter anderem hält er beim Internationalen Frauenkongress in Bern einen Vortrag über die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner – und zum Verfassen von humanistischen Artikeln für die "Neue Freie Presse": So widmete er seinem Freund, dem Dichter und Literaturnobelpreisträger Romain Rolland, der sich sofort bei Kriegsausbruch in Genf dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt hatte, den Aufsatz "Das Herz Europas". Als ein Beitrag Zweigs in der "Friedenswarte" erschien, empörte dies den österreichischen Gesandten in der Schweiz, Musulin von Gomirje, da dies nicht im Sinne der Propaganda war, die von Zweig erwartet wurde.

Die "Friedens-Warte" – älteste Zeitschrift für Fragen der Friedenssicherung im deutschen Raum – wurde 1899 gegründet. Neben Beiträgen Romain Rollands bildeten auch die regelmäßig erscheinenden Kolumnen der engagierten Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner eine Besonderheit dieser Publikation. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges fiel die "Friedens-Warte" der kriegsbedingten Pressezensur zum Opfer und musste schließlich im Jahr 1915 in Deutschland ganz eingestellt werden, was den Herausgeber Fried dazu bewog, die Veröffentlichung der Zeitschrift, deren zentrales Anliegen während der Kriegszeit die Vorbereitung des künftigen Friedens war, aus dem Schweizer Exil in Zürich fortzuführen.

Zweigs Aufenthalt in der Schweiz dauerte länger als geplant – sein Urlaub wurde zunächst verlängert und schließlich wurde er ganz aus dem Militärdienst entlassen.

Dokumente: 

  1. Brief Stefan Zweigs an Hofrat Wiesner, 07.04.1918
  2. Brief des Gesandten Musulin von Gomirje an Hofrat Wiesner, 15.07.1918
  3. Titelblatt der Friedens-Warte XX, Nr. 7/8 – Juli-August 1918

Signatur: HHStA MdÄ PL 175 Zl. 2100/1917

Literatur: Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Frankfurt am Main 1991

Gerda Königsberger