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"Die schwärzeste Nacht mit all ihren Schreckbildern"

Archivale des Monats Juli 2020

Brief von Erzherzog Karl © ÖStA
Brief von Erzherzog Karl (Transkript am Ende des Textes) © ÖStA

Das vorliegende Dokument ist ein beeindruckend authentisches Schreiben, das Erzherzog Karl angesichts des verlorenen Kriegs von 1809 an Feldmarschall Franz Fürst Orsini-Rosenberg richtete. Zwar gelang es Karl, Napoleon bei Aspern in offener Schlacht zu besiegen, jedoch folgte dem Sieg von Aspern die Niederlage von Wagram.

Das bislang unbekannt gebliebene Schreiben lässt auf einen deprimierten Feldherrn schließen, der auf die Trümmer seines Wirkens blickt und sich größte Sorgen um die Zukunft des Habsburgerstaates macht. Von der "schwärzesten Nacht mit all ihren Schreckbildern", berichtet Karl in dem Brief.

Zur Vorgeschichte: Die territorialen Verluste des Preßburger Friedens von 1805 waren enorm gewesen. Tirol und Vorarlberg fielen an Bayern, der Rest der österreichischen Vorlande ging ebenso verloren wie Venetien. Zudem saß mit der Erwerbung Dalmatiens durch Frankreich der Feind im eigenen Hinterhof.

Die Aufgabe des Grafen von Stadion als Außenminister war es, diese Verluste wettzumachen. Er setzte dabei auf eine nationale Erhebung Deutschlands in Form eines Eintritts Preußens in den Krieg und einen Abfall der deutschen Vasallenstaaten von Napoleon, möglicherweise begleitet durch eine allgemeine Volkserhebung. Sekundiert wurde Stadion von Metternich, der als Botschafter in Paris die Schwächung, die Napoleon durch den Krieg in Spanien zugefügt wurde, überschätzte.

Erzherzog Karl hatte zuvor als Armee- und Marineminister 1801 mit der dringend nötigen Reformierung des österreichischen Militärwesens eine wahre Sisyphosaufgabe übernommen. Der Krieg von 1805 warf ihn fast wieder an den Ausgangpunkt zurück, weswegen er 1809 die Monarchie noch nicht als reif für das gesteckte Ziel befand. Dessen ungeachtet setzte sich am 8. Februar 1809 die Kriegspartei in einer entscheidenden Konferenz gegen den Rat des Erzherzogs durch.

Die als Kriegseröffnung unternommene Offensive nach Bayern verunglückte vollkommen, so dass es kaum verwundern kann, dass es - außer in Tirol und Vorarlberg – zu keiner Volkserhebung kam. Kein Staat nahm das Risiko auf sich, an die Seite Österreichs zu treten. In der Folge trieb Napoleon die österreichischen Verbände vor sich her und bald residierte er nach 1805 ein zweites Mal in Schönbrunn.

Im Herz der Monarchie kam es zu drei Schlachten, die sich jeweils über zwei Tage hinzogen: Bei Aspern (21.-22. Mai 1809) widerfuhr es Napoleon erstmals, dass er das Schlachtfeld den Truppen des jungen Kaisertums Österreich überlassen musste. Bei Wagram (5.-6. Juli 1809) stemmte sich die Armee Erzherzog Karls den zahlenmäßig überlegenen Truppen Napoleons (Franzosen, Sachsen, Bayern, Badenser, Hessen, Italiener) in der Hoffnung entgegen, dass ein Flankenstoß der aus Ungarn herbeieilenden Armee Erzherzog Johanns die Entscheidung bringen würde. Die Schlacht entwickelte sich nicht nur zu der bis dahin größten Schlacht der Neuzeit, sondern auch zu einer der grausamsten. Als die Hoffnung auf das Eingreifen Johanns geschwunden war, gab Erzherzog Karl den Rückzugsbefehl. Der Sieg Napoleons blieb aber ebenso relativ, wie es jener von Erzherzog Karl bei Aspern gewesen war.

Die Armee Napoleons war nicht mehr fähig, den Gegner in gewohnter Weise zu verfolgen und ihm einen finalen Schlag zu versetzen. Die Verbündeten vermochten vorerst nicht einmal zu erkennen, in welche Richtung sich die Österreicher zurückgezogen hatten. Schließlich kam es am 10. und 11. Juli 1809 zur Schlacht bei Znaim, an der vorerst nur Teile beider Armeen teilnahmen. Doch angesichts der Entwicklung zu einer weiteren Hauptschlacht trat am 12. Juli abends ein von Erzherzog Karl und Napoleon vereinbarter Waffenstillstand in Kraft.

Obwohl Kaiser Franz mit den Waffenstillstandsbedingungen nicht einverstanden war, beließ er Erzherzog Karl im Amt, bis dieser angesichts der zunehmenden Entmachtung selbst um seine Entlassung ansuchte. Am 30. Juli 1809 übergab er das Kommando an den General der Kavallerie Fürst von Liechtenstein.

Der Friede von Schönbrunn vom 14. Oktober 1809 brachte neuerlich weitreichende Gebietsverluste. Salzburg und große Teile Oberösterreichs fielen an Bayern, beträchtliche Teile Galiziens gingen an das Herzogtum Warschau und das Russische Reich. Aus Osttirol, dem Villacher Kreis, Görz, Triest, Fiume, Krain, Kroatien und Dalmatien formierte Napoleon die Illyrischen Provinzen Frankreichs, womit Österreich von Meer abgeschnitten war.

Erzherzog Karl pflegte seinen Unterfeldherren gegenüber stets die dynastische Distanz zu wahren. Dass er in seinem Schreiben an Orsini-Rosenberg einen derartigen Blick in seinen Gemütszustand eröffnete, ist außergewöhnlich und zeigt, wie sehr er angesichts des verlorenen Krieges erschüttert war.

Rudolf Jeřábek

Signatur: ÖStA, KA, Nachlass Orsini-Rosenberg B 1504:28 Stücke ohne Datum

Literatur:

  • Criste Oskar, Politische Vorgeschichte des Krieges. In: Krieg 1809, 1.Band Regensburg. Nach den Feldakten und anderen authentischen Quellen bearbeitet in der kriegsgeschichtlichen Abteilung des k.u.k.Kriegsarchivs von Eduard Mayerhoffer von Vedropolje und Oskar Criste, Wien 1907, S.1-66.
  • Criste Oskar, Erzherzog Carl von Österreich. Ein Lebensbild, Wien/Leipzig 1912, Bd.2 S.389-470, Bd.3 S.1-286
  • Gill John H., 1809. Thunder on the Danube. Napoleon’s Defeat of the Habsburgs, Volume III: Wagram and Znaim, London 2010
  • Rauchensteiner Manfried, Die Schlacht bei Deutsch Wagram am 5. und 6.Juli 1809 (= Militärhistorische Schriftenreihe, hgg. vom Heeresgeschichtlichen Museum (Militärwissenschaftliches Institut) Heft 36), Wien 1977.
  • Rössler Hellmuth, Graf Johann Philipp Stadion. Napoleons deutscher Gegenspieler, Wien/München 1966, Bd.2 S.13-65.
  • Rothenberg Gunther E., Napoleon’s Great Adversary. Archduke Charles and the Austrian Army 1702-1814, New York 1995, S.159-217.
  • Srbik, Heinrich Ritter von, Metternich. Der Staatsmann und der Mensch, München 1925, S.110-122.
  • Veltzé Alois, Erzherzog Johanns "Feldzugserzählung" 1809. (=Supplement zu den "Mitteilungen des k.u.k.Kriegsarchivs", hgg. von der Direktion des k.u.k.Kriegsarchivs), Wien 1909, S.192-197.

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