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Schürer des Hasses gegen Österreich

Zum 82. Mal jährt sich im März dieses Jahres der "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Das vorliegende und bisher unpublizierte Dokument verdeutlicht die Ambivalenz Österreichs gegenüber dem NS-Regime.

Seit 1933 ergriff die Dollfuß/Schuschnigg-Regierung schrittweise Maßnahmen, um die Verbreitung von NS-Gedankengut in Österreich in Form von Zeitungen und Büchern durch Verbote zu unterbinden.

Doch das Juliabkommen 1936, als vergeblicher Versuch einen modus vivendi mit dem Deutschen Reich zu finden, brachte auch hier einen Kurswechsel mit sich. War im Abkommen selbst, allerdings sehr allgemein, davon die Rede, gegenseitige Behinderungen beim Absatz von Büchern zu beseitigen, so wurden seit November 1936 dazu Durchführungsvereinbarungen auf bilateraler Ebene erarbeitet. Bei diesen standen die Aufhebung der gegenseitigen Bücherverbote im Mittelpunkt, wobei man sich österreichischerseits der mit der Zulassung von NS-Literatur verbundenen Gefahren bewusst war und konkrete Vereinbarungen möglichst hinauszuzögern suchte. Die deutsche Seite erhöhte jedoch schrittweise den Druck und Hitlers "Mein Kampf" kam bei der dadurch in Gang gesetzten Entwicklung ein besonderer Symbolwert zu. Es wurde argumentiert, dass das "Verbot des Werkes des Oberhauptes des Deutschen Reiches den normalen und freundschaftlichen Beziehungen der beiden Staaten nicht mehr entspreche." Und tatsächlich wurde der Verkauf von "Mein Kampf" im Sommer 1937 freigegeben. Unter eingefleischten Anhängern des Regierungslagers erhob sich dagegen spontaner Protest. An dessen Spitze stellte sich der Leiter des "Traditionsreferats der Vaterländischen Front", der Bundeskulturrat und Hochschulprofessor Hans Karl Zeßner-Spitzenberg. Seit langem setzte sich der Legitimist Zeßner-Spitzenberg in der sogenannten "Österreichischen Aktion", gemeinsam mit Ernst Karl Winter und einigen wenigen Mitstreitern, für ein eigenständiges österreichisches Nationsbewusstsein ein. Als Disziplinaranwalt an der Hochschule für Bodenkultur ging er konsequent gegen illegale Nazis vor.

In einem langen, durchaus emotionalen Memorandum, wandte sich Zeßner-Spitzenberg nunmehr sofort nach Bekanntwerden der Entscheidung über die Freigabe des Verkaufs von "Mein Kampf" an Bundeskanzler Schuschnigg. Treffend bezeichnete er die Freigabe des Buches als "ein entmutigendes Zurückweichen der österr. Regierung vor dem unablässigen Druck der auf Zweideutigkeiten hinarbeitenden deutschen Regierung". Wer Zeßner-Spitzenbergs Zeilen liest, spürt buchstäblich seine Erregung in diesen Tagen. Die Erregung eines Gegners des Nationalsozialismus der ersten Stunde. Hitler war für ihn ein "politischer Hetzer und Einpeitscher und Schürer des Hasses gegen Österreich". Sein Buch nannte er das Werk eines "österr. Fahnenflüchtigen", dessen "unerhört antiösterr. Geist mit aller Vehemenz zu geisseln" wäre.

Zeßner-Spitzenbergs Aufschrei nützte nichts. Denn was er nicht wissen konnte: Es war Schuschnigg selbst gewesen, der in der – übrigens vergeblichen – Hoffnung auf Zugeständnisse deutscherseits die Weisung erteilt hatte, das Buch freizugeben. Das Schreiben ist aber ein eindrucksvolles Dokument dafür, dass es Österreicher in allen politischen Lagern gab, die klarsichtig die drohenden Gefahren der versuchten Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland erkannt hatten.

Dies umso mehr als Zeßner-Spitzenberg ein Jahr später seinen kompromisslosen Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlen musste. Er wurde bereits wenige Tage nach dem Anschluss am 18. März 1938 verhaftet und am 16. Juli 1938 ins Konzentrationslager Dachau geschafft. An den Folgen der ihm von den SS-Wachmannschaften bei der Deportation zugefügten inneren Verletzungen starb er als einer der ersten Österreicher am 1. August 1938 in Dachau.

AdR, Moskauer-Akten, Fonds 514, Generalsekretariat der Vaterländischen Front 514-1-2771

Helmut Wohnout

Literatur (in Auswahl):

Gabriele Volsansky, Pakt auf Zeit. Das Deutsch-österreichische Juliabkommen 1936, Wien/Köln/Weimar 2001.

Manfried Welan/Helmut Wohnout, Hans Karl Zeßner-Spitzenberg – einer der ersten toten Österreicher in Dachau, in: Forschungen zum Nationalsozialismus und dessen Nachwirkungen in Österreich. Festschrift für Brigitte Bailer. Hg. Vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstndes, Wien 2012, 21–41.

Helmut Wohnout, Das Traditionsreferat der Vaterländischen Front. Ein Beitrag über das Verhältnis der legitimistischen Bewegung zum autoritären Österreich 1933–1938, in: Österreich in Geschichte und Literatur, Jg.36, 2/1992, 65–82.