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Karl Renner in Saint-Germain

Kalenderblatt Notizbuch Karl Renner

In Nachlässen und Familienarchiven finden sich mitunter Archivalien, in welchen sich die Weltpolitik in einer privaten Dimension spiegelt. Im Nachlass von Karl Renner, der heute in der Archivabteilung AVAFHKA verwahrt wird, hat sich ein solches Dokument erhalten. Es handelt sich dabei um ein kleines Notizbuch mit rotem Kunstlederumschlag und kariertem Papier, das vom Staatskanzler der jungen Republik und eben gewählten Leiter der so genannten deutschösterreichischen Friedensdelegation eigenhändig beschrieben wurde, wobei er zwischen Tinte und Bleistift wechselte.

Karl Renner nützte das kleine Büchlein einerseits als Kalender. Er hatte eigenhändig Datumszeilen angelegt und notierte zu den einzelnen Tagen deren Ereignisse. Andererseits schrieb er in den hinteren Teil des kleinen Heftes unterschiedliche Notizen, die ihm möglicherweise als Gedächtnisstütze für Verhandlungen und Reden dienen sollten. Die Kalendereintragungen umfassen den Zeitraum vom 12. Mai bis 27. Juni 1919, der Beginn der Aufzeichnungen fällt mit jenem der deutschösterreichischen Friedensdelegation zusammen, deren Mitglieder am Abend des 12. Mai von Wien aus mit dem Zug nach Saint-Germain-en-Laye reisten.

Dort angekommen wurde die Delegation (sie bestand aus über 40 Personen, davon waren etwa ein Drittel Frauen, darunter eine Sekretärin, die Karl Renner half sein Französisch zu verbessern) in zehn Villen untergebracht. Der Staatskanzler bewohnte die Villa Reinach, vor der sich die gesamte Delegation fotografieren ließ. Auch wenn die Unterbringung und Verpflegung keine Wünsche offen ließen, machte es den Mitgliedern der Delegation bald zu schaffen, dass sie sich nur in einem streng begrenzten Raum frei bewegen durften und ansonsten isoliert von ihrer Umgebung waren.

Erschwerend kam hinzu, dass die Delegation lange auf die Überreichung eines Entwurfs des Friedensvertrags durch die Entente-Mächte warten musste. Dies geschah erst am 2. Juni, und Renner fuhr in Begleitung sofort danach nach Feldkirch, wo er sich mit Karl Seitz, Jodok Fink, Otto Bauer und Walter Breisky über die weitere Vorgehensweise beriet. Anschließend kehrte er nach St-Germain zurück und arbeitete unermüdlich daran, Verbesserungen der Friedensbedingungen zu erreichen.

Die Kalendereintragungen enden mit dem 27. Juni. Renner hat danach wohl ein anderes Heft verwendet. Die Friedenverhandlungen zogen sich noch bis in den frühen Herbst. Erst am 10. September 1919 wurde der Friedensvertrag im Schloss von Saint-Germain unterzeichnet (siehe das Archivale des Monats zu Juli).

Pia Wallnig

Signatur: AT-OeStA/AVA Nachlässe NZN E/1731.300; 
AT-OeStA/AVA Nachlässe NZN E/1731.301

Literatur:  Walter Rauscher, Karl Renner. Ein österreichischer Mythos. Wien 1995; 
Richard Saage, Der erste Präsident. Karl Renner-eine politische Biografie. Wien 2016