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Das Palais am Schwarzenbergplatz 1

Eine Frage der Restitution?

1863 ließ der damals erst 21-jährige Erzherzog Ludwig Viktor, der jüngste Bruder von Kaiser Franz Joseph I., an der Ecke Schubertring-Schwarzenbergplatz ein Palais errichten. Der Erzherzog wertete damit auch den Ring als beste Wohnadresse auf. Architekt des Gebäudes war Heinrich von Ferstel. Nach 6-jähriger Bauzeit wurde das Gebäude fertiggestellt. Das Palais war in den folgenden Jahren Schauplatz zahlreicher Feste. "Lutziwutzi", wie seine Freunde den Erzherzog nannten, musste sich jedoch nach einigen Skandalen in das Barockschloss Klessheim nach Salzburg zurückziehen.

Palais Schwarzenbergplatz 1 © OESTA

Am 30. April 1910 verkaufte Erzherzog Ludwig Viktor das Palais um 2 Millionen Kronen an den Militärwissenschaftlichen und Kasinoverein. Während der Verein 500 000 Kronen in bar zahlte, erlegte die k.k. private Lebensversicherungsgesellschaft Österreichischer Phönix das aufgenommene Darlehen über die weiteren 1,5 Millionen Kronen. Aus mehreren praktischen Gründen wurde jedoch nicht der Verein, sondern die k.k. Heeresverwaltung in das Grundbuch eingetragen. Dem Verein wiederum wurde das uneingeschränkte, ausschließliche und unwiderrufliche Nutzungsrecht seitens des Reichskriegsministeriums garantiert und von Kaiser Franz Joseph ausdrücklich genehmigt.

Palais Schwarzenbergplatz © OESTA

Die Nutzungsgarantien für den Verein überstanden nicht nur den Weltkrieg, sondern auch die 2 Jahrzehnte der (Ersten) Republik. Anfang 1938 waren neben dem Kasinoverein der Österreichische Offiziersverband, der Österreichische Reichs-, Kameradschafts- und Kriegerbund sowie die Österreichische Wehrzeitung an dieser Anschrift zu finden. 1939 verringerten sich die Vereinigungen auf den Österreichischen Reichs-, Kameradschafts- und Kriegerbund. Im Laufe des Jahres 1940 wurde dieser längst gleichgeschaltete Verein in den NS-Reichkriegerbund (Kyffhäuserbund) überführt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Palais vorübergehend von der Roten Armee genutzt, ehe es der Bundesgebäudeverwaltung übergeben wurde, die es wiederum dem neu geschaffenen Bundesministerium für Energiewirtschaft und Elektrifizierung zur Verfügung stellte. Dieses Ministerium wurde später als Sektion dem Handels- beziehungsweise Wirtschaftsministerium unterstellt. Nach dem Abschluss des Staatsvertrages wurde zur Neuformierung eines Bundesheeres das Amt für Landesverteidigung geschaffen, aus dem 1956 das Bundesministerium für Landesverteidigung hervorging.

General Emil Liebitzky, einer der führenden Männer bei der Aufstellung des neuen Heeres, war auch Gründungsvater der Österreichischen Offiziersgesellschaft, deren erster Präsident er Anfang 1960 wurde. Diese Vereinigung verstand sich als direkter Rechtsnachfolger des Militärwissenschaftlichen und Kasinovereins, was das Innenministerium in einem Schreiben an das Verteidigungsministerium auch anerkannte. Der neue Verein bezog seine Räume am Schwarzenberplatz 1, als Liebitzky im April 1961 plötzlich starb. Mit dem Tod des Mentors wurde die Frage der Rechtsnachfolge buchstäblich obsolet. Die Offiziersgesellschaft blieb bis heute unverändert Mieter im Palais am Schwarzenbergplatz.

Gerhard Artl

Signatur: KA/Kriegsministerium Abt. 8, 25-32/5-4, 15. Juli 1910