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Ein Polarforscher zu Besuch bei Kaiser Franz Joseph I.

Der norwegische Forschungsreisende und Polarforscher Roald Amundsen wurde am 16. Juli 1872 in Borge als vierter Sohn des Schiffskapitäns Jens Ingebrigt Amundsen und seiner Frau Gustava geboren.

Schon in seiner Kindheit und Jugend interessierte er sich für die Bücher des britischen Polarforschers John Franklin, der 1847 beim Versuch die Nordwestpassage zu durchqueren, tödlich verunglückte. Nach dem Abschluss des Gymnasiums studierte er zuerst Medizin, wechselte jedoch bald zur Polarforschung. Nach dem Tod seiner Mutter 1893 brach er seine Studien ab und startete seine Reisetätigkeit. Zuerst als Matrose, dann als Steuermann. 1896 bis 1899 beteiligte er sich als zweiter Offizier an der, von Adrien de Gerlache geführten, Belgica-Expedition in die Antarktis.

Revers © OESTA

Von 1903 bis 1906 unternahm er mit dem Schiff Gjöa Erkundungsfahrten in der Nordwestpassage, dabei gelang Amundsen die erste Durchfahrt durch diese Seepassage. Dieser zirka 5 780 Kilometer lange Seeweg verläuft nördlich des amerikanischen Kontinents und verbindet den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean.

Nach seiner Rückkehr von diesem Unternehmen folgte 1907 eine Vortragsreise, die Amundsen in die bedeutendsten Städte Europas führte. So auch auf Einladung der k.k. Geographischen Gesellschaft nach Wien. Amundsen hielt sich vom 15. bis 18. März 1907 in Wien auf. Er wohnte im Hotel Meissl und Schadn am Neuen Markt. Am 16. März 1907 hielt Amundsen im kleinen Musikvereinssaal einen Vortrag über seine Expedition vor den Mitgliedern der Geographischen Gesellschaft. Auf Anregung dieser Gesellschaft und der k.u.k. Botschaft in Berlin empfing Kaiser Franz Joseph I. den Forschungsreisenden am Montag den 18. März 1907 in einer Privataudienz in der Hofburg. Während dieser Audienz verlieh der Kaiser Kapitän Amundsen das Großkreuz des Franz Joseph Ordens.

Audienzankündigung 1907 © OESTA

Im Juli 1908 übersandte Amundsen ein Exemplar seines Buches "Die Nordwest-Passage" Kaiser Franz Joseph für seine Bibliothek. Da dieses jedoch schon in der Hofbibliothek vorhanden war, übergab es der Kaiser an die Bibliothek der anthropologisch-ethnographischen Abteilung des k.k. naturhistorischen Hofmuseums. Amundsen übermittelte man mit Unterstützung der k.u.k. Gesandtschaft in Kopenhagen eine Dankschreiben.

Weltweite Berühmtheit erlangte Amundsen durch seine Südpolexpedition, die sich zu einem Wettlauf mit dem britischen Forscher Robert Falcon Scott entwickelte. Amundsen erreichte am 14. Dezember 1911 den Pol, 35 Tage vor seinem Konkurrenten. Auch nach der Eroberung des Südpols unternahm Amundsen eine Vortragsreise durch Europa, wiederum machte er Station in Wien. Er wurde am 19. Oktober 1912 von einer Abordnung der k.k. Geographischen Gesellschaft am Westbahnhof empfangen und stieg, wie schon 1907, wieder im Hotel Meissl und Schadn ab. Am Abend des 19. Oktobers hielt Amundsen vor den Mitgliedern dieser Gesellschaft einen Vortrag im Festsaal des Militärwissenschaftlichen und Kasinovereins. In einem Festakt wurde dem norwegischen Kapitän die höchste Auszeichnung der Gesellschaft, die Hauermedaille, überreicht.

Am folgenden Tag, Sonntag den 20. Oktober 1912, empfing Kaiser Franz Joseph I. im Schreibzimmer von Schönbrunn Roald Amundsen zu einer Privataudienz. Diese dauerte 20 Minuten. Amundsen erschien im Frack mit dem Band zum Großkreuz des Franz Joseph Ordens. Nach Beendigung der Audienz äußerte er sich über das gute Aussehen des Kaisers und fand ihn fast unverändert seit seinem letzten Treffen 1907. Am 21. Oktober 1912 reiste Amundsen weiter nach Budapest.

Audienzankündigung 1912 © OESTA

Während des Ersten Weltkriegs nahm Amundsen Stellung gegen den U-Bootkrieg des Deutschen Kaiserreichs. Nach 1918 entdeckte er das Flugzeug als Mittel für die Erforschung der Arktis. Im Juni 1928 startete er einen Rettungsflug für Umberto Nobile, der mit seinem Luftschiff in der Arktis abgestürzt war. Von diesem Unternehmen sollte Amundsen nicht mehr zurückkehren. Weder sein Flugzeug noch sein Leichnam sind bis zum heutigen Tage gefunden worden.

Irmgard Pangerl

Zitate: 
Audienzankündigung für den 18. März 1907 – NZA 307-2
Revers über den Empfang des Großkreuzes des Franz Joseph Ordens - FJO Zl. 365 ex 1907
Audienzankündigung für den 20. Oktober 1912 – NZA 311-3