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Kolonisten: Ansiedlungspolitik im Südosten Europas

Archivale des Monats August 2020

Plan des Kolonistenortes Guttenbrunn im Banat © OeSTA

Die abgewehrte Belagerung Wiens im Jahr 1683 bedeutete noch nicht das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich, vielmehr konnte in den folgenden Jahrzehnten der Herrschaftsbereich der Habsburger durch das Zurückdrängen des "Erzfeindes" bedeutend erweitert werden. Im Frieden von Karlowitz fiel 1699 der gesamte mittlere Donauraum an die Habsburger. Kaiser Leopold I. war damit Herrscher über Ungarn (ausgenommen das Temescher Banat) sowie Siebenbürgen und einen Großteil Slawoniens. Das Banat konnte schließlich 1718 im Frieden von Passarowitz dauerhaft, die Kleine Walachei und Nordserbien samt Belgrad vorübergehend, bis zum Türkenkrieg 1737-1739, erworben werden.

Für die Ansiedlungspolitik im 18. Jahrhundert erlangte der Zugewinn Galiziens im Zuge der ersten Teilung Polens 1772 erhebliche Bedeutung, zwei Jahre danach fiel noch die Bukowina an die Habsburger. Besonders in den dünn besiedelten, ehemals türkischer Herrschaft unterworfenen Gebieten sollte die Wirtschaft durch bevölkerungspolitische Maßnahmen gefördert und deren Ertrag gesteigert werden. Aus praktischen Überlegungen und wohl auch entsprechend dem merkantilistischen Credo der Zeit, wonach der größte Reichtum eines Landes in seiner Bevölkerung besteht, wurde in den neu gewonnenen Gebieten eine staatlich gelenkte und geförderte Impopulationspolitik betrieben. Neben den staatlichen gab es auch private Ansiedlungsaktivitäten, da auf weltlichen wie geistlichen Grundherrschaften ebenfalls Arbeitskräfte dringend benötigt wurden. Die Bevölkerungspolitik im 18. Jahrhundert zielte nicht zuletzt auf eine Hebung der Einwohnerzahl ab, um dadurch das Steueraufkommen zu erhöhen und die Militärkraft des Staates zu stärken. Die später so einflussreichen nationalpolitischen Erwägungen spielten zu dieser Zeit noch keine entscheidende Rolle, bezeichnend waren eher konfessionelle Gesichtspunkte. So lehnte Maria Theresia die Ansiedlung von Protestanten im Banat entschieden ab; erst unter Joseph II. waren Ansiedlungsaktivitäten nicht mehr durch konfessionelle Einschränkungen beeinflusst.

Eine quantitative Erfassung der in drei großen Schwabenzügen gipfelnden Kolonisation in Ungarn unter Karl VI., Maria Theresia und Joseph II. stellt sich überaus schwierig dar und ist auf Schätzungen angewiesen; es kann jedoch von über 150.000 Personen ausgegangen werden. Neben deutschen Ansiedlern waren es auch andere, wenngleich zahlenmäßig weniger bedeutsame ethnische Gruppen wie Rumänen, Serben, in geringer Zahl aber auch Spanier oder Italiener, die zuwanderten. Viele der Ansiedler stammten aus dem Südwestdeutschen Raum, was retrospektiv zu der Bezeichnung "Donauschwaben" führte.

Die Ansiedlung wurde auf der Grundlage von Patenten durchgeführt, in welchen die jeweiligen Rahmenbedingungen der Kolonisation festgelegt waren. Das Impopulationspatent Leopolds I. von 1689 war das erste dieser Art. Eine wichtige Rolle spielten professionelle Agenten, die als Werber Auswanderungswillige für die Kolonisation gewinnen sollten.

Das Ansiedlungswerk in der kaiserlichen Krondomäne Banat, das bereits unter Karl VI. höchst erfolgreich durchgeführt worden war und über 40 Siedlungen umfasst hatte, wurde im verheerenden Türkenkrieg 1737-1739 zunichtegemacht, und es lag an Maria Theresia, die Besiedlung erneut in Angriff zu nehmen. Bestehende Kolonistendörfer wurden erweitert oder neu gegründet, wobei auf entsprechende geografische Voraussetzungen besonders Rücksicht genommen wurde. Die Größe des Dorfterrains richtete sich nach der Anzahl der unterzubringenden Haushalte, dabei konnten große Siedlungen 200 oder mehr Haushalte zählen.

Pläne verschiedener Typen von Kolonistenhäusern mit einer Karte der Gegend zwischen Arad und Lippa © OeSTA

Der im Norden des Banats gelegene und unter Karl VI. gegründete Ort Guttenbrunn steht für die Zusiedlung zu einer bereits bestehenden Ortschaft und wurde unter Maria Theresia durch Zuwanderung erheblich vergrößert. Die Anlage der Kolonistendörfer zeichnet sich durch die typische schematische Regelmäßigkeit mit breit angelegten Straßen aus, die das Dorfterrain rechtwinkelig durchschneiden. Neben der zentral gelegenen Kirche wurden bei der Planung auch Bauplätze für Pfarrhof, Schule und Gasthof berücksichtigt. Die Errichtung der Wohnhäuser erfolgte nach Vorgaben und Musterplänen. Die großzügige Breite der mit Brunnen versehenen Straßen sowie der reichliche Abstand zwischen den jeweiligen Gebäuden waren der Feuersicherheit geschuldet. Mit der Errichtung von Krankenhäusern, die freilich dem bescheidenen Stand der medizinischen Versorgung entsprachen, Quarantänestationen, Distriktschirurgenhäusern und Waisenhäusern wurden erste wenn auch noch wenig entwickelte soziale und gesundheitspolitische Maßnahmen gesetzt.

Die Ansiedler kamen per Schiff, den sogenannten Ulmer Schachteln, auf der Donau in ihre neue Heimat. Nach ihrer Ankunft war eine Grundversorgung vorgesehen, deren Kosten allerdings möglichst geringgehalten werden mussten. Das Ziel des Staates war, den Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz zu ermöglichen und rasch, in der Regel bereits nach einigen Jahren, Abgaben zu lukrieren. Eine Besonderheit stellen die in den Beständen des Österreichischen Staatsarchivs erhalten gebliebenen Schlafkreuzerrechnungen dar: Kolonisten, die noch über kein eigenes Haus verfügten, wurden vorübergehend in bereits bestehenden Ansiedlerhäusern untergebracht, deren Besitzer dafür vom Ärar pro Kopf und Nacht einen Kreuzer erhielten. Dieser vom Staat getätigte Aufwand wurde penibel in Verzeichnissen festgehalten.

Das ungewohnte Klima, harte Arbeitsbedingungen und auch Pest, Überfälle und Grenzkonflikte forderten viele Opfer unter den Kolonisten. Dennoch trugen sie einen wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Aufbau Ungarns nach den Wirren der Türkenkriege bei.

Susanne Kühberger

Signaturen:

ÖStA, FHKA, SUS, KS, O-032
Plan des Kolonistenortes Guttenbrunn im Banat, 1767
aquarellierte Federzeichnung, 65 x 44 cm

ÖStA, FHKA, SUS, KS, Rb-045
Pläne verschiedener Typen von Kolonistenhäusern mit einer Karte der Gegend zwischen Arad und Lippa, Banat; um 1766
aquarellierte Federzeichnung, 33 x 49 cm

Literatur:

Die Donauschwaben. Deutsche Siedlung in Südosteuropa. Ausstellungskatalog, hrsg. vom Innenministerium Baden-Württemberg. Sigmaringen 1987.