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Neu verzeichnete Bestände: Informationsbüro des Ministeriums des Äußern (1868–1908)

In der Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv wurden umfangreiche Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten am Teilbestand Informationsbüro des k. und k. Ministeriums des Äußern abgeschlossen. Das Informationsbüro war – vereinfacht ausgedrückt – gewissermaßen der Auslandsgeheimdienst der Habsburgermonarchie. Über ein dicht gespanntes Netz an Informationszulieferern (Konfidenten beziehungsweise Spione, Vertretungsbehörden im Ausland, Polizei- und Verwaltungsbehörden im Inland, ausländische Behörden) versuchte die Einrichtung möglichst alle greifbaren staatspolizeilichen Informationen in Evidenz zu halten. Diese großflächige Informationsbeschaffung wurde nicht zuletzt durch ein eigenes, geheimes Budget innerhalb des Ministeriums ermöglicht. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf die Überwachung politisch verdächtiger Personen gelegt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich im Aktenniederschlag des Informationsbüros sehr viel Material zu anarchistischen, irredentistischen und sozialistischen Agitationen im In- und Ausland findet. Die diesbezüglichen Akten enthalten neben detaillierten Informationen manchmal sogar Porträtfotos der verdächtigten Individuen. Speziell zu erwähnen ist hierzu die Ermordung der Kaiserin Elisabeth 1898 in Genf. Die Akten des Informationsbüros halten nicht nur zahlreiche Informationen bereit, die die Presseberichterstattung über diesen Vorfall betreffen, sondern auch solche über die Behandlung der dabei involvierten Anarchisten. Als Aktenbeilage findet sich darin zudem eine Fotografie des Attentäters Luigi Lucheni.

Teilweise wurden auch militärische Nachrichten aus dem Ausland eingeholt; dabei war man aber meist im Kontakt mit dem parallel dazu beim Generalstab  bestehenden "Evidenzbüro", das den Charakter eines militärischen Nachrichtendienstes hatte. Als Kuriosität am Rande ist festzuhalten, dass das Informationsbüro täglich einen Bericht beziehunsgweise eine "Revue" mit aktuellen Vorfällen Kaiser Franz Joseph vorgelegt hat. Leider lassen sich diese Berichte bisher weder in den Akten des Informationsbüros noch in der Überlieferung des Kabinettsarchivs greifen.

"Das Informationsbüro war eine sehr merkwürdige, ganz veraltete Institution, worin die Traditionen des Metternichschen Polizeistaates noch immer festgehalten wurden. Es war ein eigenes Departement mit selbständigen Hilfsämtern, Konzeptsbeamten, die alle, mit Rücksicht auf ihre besondere Vertrauensstellung, Zulagen erhielten." So charakterisierte der letzte Chef des Informationsbüros, Constantin Dumba, seine Behörde.[1] Ein eigenständiges Departement (Dep. 4) innerhalb des Ministeriums des Äußern wurde das Informationsbüro aber erst 1877, davor wurden die staatspolizeilichen Agenden vom zweiten Departement der Präsidialsektion des Ministeriums betreut. Wie die erhaltenen Geschäftsbücher und Akten deutlich zeigen und die Aussage Dumbas unterstreicht, führte das Informationsbüro eine eigenständige Registratur, was unter anderem dem reservierten bzw. vertraulichen Charakter der hier bearbeiteten Akten geschuldet gewesen sein mag (sie wurden offenbar auch nicht im allgemeinen Einlauf des Ministeriums protokolliert). 1908 wurde der ganze Apparat dieser Einrichtung auf Betreiben ihres eigenen Chefs Dumba aufgelöst, da seiner Meinung nach die meisten Konfidenten weder aktionsfähig noch glaubwürdig waren und die Einrichtung einfach zu veraltet und zu kostspielig war.[2]

Die vom Informationsbüro produzierten Akten kamen daraufhin sukzessive in das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, wo sie gemeinsam mit relevanten staatspolizeilichen Vorakten des Ministeriums des Äußern ("Actes de Haute Police") und des Ministeriums des Innern beziehungsweise der Obersten Polizeibehörde/ des Polizeiministeriums (A-Akten und BM-Akten) aufgestellt wurden. Während der umfangreichen Auslagerungen in Anbetracht der drohenden Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs scheint auch die Registratur des ehemaligen Informationsbüros an einen vermeintlich sichereren Standort verlagert worden zu sein. Dort gerieten Teile desselben in Unordnung, weshalb die Akten in der Nachkriegszeit von der Referentin Anna Hedwig Benna und ihrem Mitarbeiter Anton Nemeth geordnet und revidiert werden mussten.

Im Rahmen der nun durchgeführten Verzeichnung der Akten des Informationsbüros nach Grundzahlen konnten verreihte Einzelstücke und Akten wieder an der richtigen Stelle hinterlegt werden. Insgesamt füllen diese Akten aus 40 Jahren rund 500 Archivkartons. In jedem Jahrgang liegen etwa 100 verschiedene geographische und/oder thematische Grundzahlen, die jetzt über das Archivinformationssystem durchsuchbar sind. Da Einzelakten meist einer größeren thematischen Grundzahl beigereiht wurden, sind diese nur über die zeitgenössischen Geschäftsbücher (Indices und Protokolle) greifbar. Der Hinterlegungsort muss bei diesen Akten zusätzlich über ein Zahlenbuch (Elench) eruiert werden. Um die Arbeit mit der Registratur des Informationsbüros künftig zu erleichtern, werden die Indices und Zahlenbücher sukzessive gescannt und als Digitalisate über das Archivinformationssystem zugänglich gemacht. So können die Indices bequem von zu Hause aus durchgesehen, die Hinterlegungsorte (Grundzahlen) anhand des Zahlenbuchs herausgefunden und die entsprechenden Grundzahlen dann im Archivinformationssystem anhand der Archivplansuche lokalisiert werden. Dies soll auch einen Pilotversuch zur erleichterten Benützung von Registraturen durch die Digitalisierung darstellen, der in der Folge auf weitere registraturmäßige Bestände ausgedehnt werden kann!

David Fliri

[1] Constantin Dumba, Dreibund- und Entente-Politik in der Alten und Neuen Welt (Wien 1931) 243.

[2] Ebenda, 246.