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Spätes Sympathietelegramm Kaiser Wilhelm II. an Kaiser Karl I.

Der 30. Oktober 1918 war ein außergewöhnlich ereignisreicher Tag. Der türkische Marineminister Rauf Orbay und der britische Admiral Somerset Gough-Calthorpe unterzeichneten an diesem Tag an Bord der HMS Agamemnon im Hafen von Moudros/Limnos einen Waffenstillstand. Dieser Waffenstillstand sollte die Feindseligkeiten zwischen dem Osmanischen Reich und der Entente auf dem nahöstlichen Kriegsschauplatz beenden. Die Alliierten waren nun nicht nur berechtigt, die Dardanellen, den Bosporus, Istanbul, alle Häfen und Eisenbahnverbindungen, den Funkverkehr und die gesamte Flotte an der anatolischen Küstenlinie zu kontrollieren. Sie waren darüber hinaus auch ermächtigt, im Falle der Bedrohung der alliierten Sicherheit jeden bedeutsamen strategischen Punkt im Lande zu besetzen.

Neun Tage zuvor, am 21. Oktober hatten sich die deutschsprachigen Mitglieder des cisleithanischen Abgeordnetenhauses im Niederösterreichischen Landhaus in der Herrengasse als "provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich" konstituiert. An diesem 30. Oktober nahm nun die provisorische Nationalversammlung die von Dr. Karl Renner ausgearbeiteten Grundsätze für den neuen Staat Deutschösterreich an.

Die politische und militärische Lage Österreich-Ungarns war hoffnungslos geworden. Ungarn hatte am 24. Oktober seine Truppen zurückgerufen, vier Tage darauf hatte sich die Tschechoslowakei gebildet. Am 29. Oktober hatten sich jene Teile, die sich später Jugoslawien anschließen sollten, von der Donaumonarchie losgesagt. Den noch kämpfenden Teilen der k.u.k. Armee blieb nur noch der Rückzug übrig.

An diesem Tag traf gegen 14 Uhr das Antworttelegramm Kaiser Wilhelms auf die Mitteilung von Kaiser Karl über den Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen mit Italien ein. Den Kern dieser Antwort bildete die nicht direkt ausgesprochene Befürchtung, italienische Truppen könnten im Falle eines kapitulationsähnlichen Waffenstillstandes ungehindert über Tirol Richtung Bayern vorstoßen. Als schließlich der am 3. November unterzeichnete Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und Italien tatsächlich einer Kapitulation glich, besetzten bayerische Truppen am 5. November Nordtirol bis zum Brenner. Der von Deutschland am 11. November unterzeichnete Waffenstillstand sollte schließlich bereits nach wenigen Tagen diese Besetzung beenden. Den abziehenden deutschen Truppen folgten mit Abstand dann die Italiener nach.

Telegramm von Wilhelm II. © OESTA

Gerhard Artl

Signatur: AT-OeStA/KA, Neue Feldakten, Armeeoberkommando Ktn. 476, Op. Geh. Nr. 2091 fol. 454