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Geschichte: Kriegsarchiv

Mit seinen etwa 180 000 Aktenkartons und 60 000 Geschäftsbüchern auf zirka 50 Regalfachkilometern darf das Wiener Kriegsarchiv den Anspruch erheben, das mit Abstand bedeutendste Militärarchiv Mitteleuropas zu sein. Seine Kartensammlung mit über 600 000 Karten und Plänen ist die größte Österreichs. Hinzu kommt eine Sammlung von etwa 400 000 Bildern.

Anfänge des Archivs und Frühe Neuzeit

Die Geschichte eines geordneten Militärarchivwesens setzt in der Habsburgermonarchie mit dem Jahr 1711 ein, als Kaiser Joseph I. die Schaffung einer Archivarsstelle beim Hofkriegsrat, der obersten Zentralbehörde für das habsburgische Kriegswesen, anordnete. Im Grunde handelte es sich bei diesem "Archivariat" innerhalb der Hofkriegskanzlei um eine "Alte Registratur" für den Dienstgebrauch.

Schon in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich dieses Kanzleiarchiv aber durch Übernahme von nicht beim Hofkriegsrat erwachsenem Schriftgut, darunter auch eingezogene Schriftennachlässe verstorbener Militärpersonen, allmählich zu einer Art militärischem Zentralarchiv.

Anfänge der Militärwissenschaft im Kriegsarchiv

Zusätzlich galt es aber auch, aus Feldzügen der (jüngeren) Vergangenheit Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Vor diesem Hintergrund ordnete Kaiser Joseph II. 1779 die aktenmäßige Bearbeitung der Feldzüge seit 1740 an. Erzherzog Carl beantragte 1801 die Schaffung einer militärischen Institution, die einerseits durch den historischen Rückblick, andererseits aber auch durch Sammlung von aktuellen Daten zu möglichen Kriegsschauplätzen sowie durch kriegswissenschaftliche Studien das intellektuelle Niveau des Offizierskorps heben sollte.

Mit allerhöchster Entschließung vom 23. März 1801 trat das k. k. Kriegsarchiv ins Leben, das in dienstlicher Unterstellung unter den General(quartiermeister)stab Akten- und Kartenmaterial zu sammeln, aber auch wissenschaftlich-publizistisch auszuwerten hatte. Seit 1808 gab das Kriegsarchiv die "Österreichische Militärische Zeitschrift" heraus.

Das alte Kanzleiarchiv beim Hofkriegsrat verlor den Großteil des Schriftgutes an das neue Kriegsarchiv und ging schließlich 1846 in der Registratur des Hofkriegsrats auf.

Das k. k. (seit 1889 k. u. k.) Kriegsarchiv bestand zunächst aus einer Schriftenabteilung (dem eigentlichen Archiv), einem Karten-Archiv,  der Bibliothek und einer Abteilung für kriegsgeschichtliche Arbeiten, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich erfolgreiche Generalstabswerke zur jüngeren österreichischen Kriegsgeschichte publizierte. Ab 1876 erschienen neben Generalstabswerken zur älteren Kriegsgeschichte der Habsburgermonarchie eigene "Mitteilungen des k. (u.) k. Kriegsarchivs".

Das kurze 20. Jahrhundert

Mit dem 1. Weltkrieg wuchsen dem Kriegsarchiv neue Aufgaben zu, bei der Übernahme von Massenschriftgut von der Front, aber auch in Gestalt großangelegter Presse- und Propagandaarbeit, wofür der Personalstand des Archivs gewaltig erhöht werden musste. Das Kriegsarchiv wurde 1918 zu einer zivilen Institution, der nach dem Zerfall der Monarchie massenhaft neues Aktenmaterial aufgelöster Dienststellen zufiel (wie das Militärgerichtsarchiv oder das Marinearchiv).

1938 bis 1945 war das Kriegsarchiv als Heeresarchiv Wien Teil der deutschen Heeresverwaltung. 1945 wurde es zu einer Abteilung des neu geschaffenen Österreichischen Staatsarchivs.

Die letzten Jahrzehnte

1984 bis 1987 wurde das militärische Schriftgut der 1. und 2. Republik sowie der NS-Zeit an das Archiv der Republik abgetreten. 1984 ging die bedeutende Bibliothek des Kriegsarchivs in der neugeschaffenen Bibliothek des Österreichischen Staatsarchivs auf. 1991 bis 1993 übersiedelte es in das Zentralarchivgebäude im 3. Bezirk.

Bestandsstruktur

Die Bestände des Kriegsarchivs lassen sich grob in fünf große Themenblöcke einteilen:

1. Personalunterlagen zu Offizieren, Unteroffizieren, Mannschaften und Beamten der bewaffneten Macht von etwa 1740 bis 1918.

2. Feldakten mit Material zu den Operationen österreichischer Feldarmeen vom 16. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.

3. Allerhöchster Oberbefehl und Zentralstellen 1557 bis 1918

4. Kriegsmarine und Luftfahrtruppe

5. Sammlungen, worunter insbesondere die umfangreiche Karten- und Plansammlung, die Bildersammlung, die Manuskripte und die militärischen Nachlässe zu nennen sind.

Das Kriegsarchiv ist heute ein "historisches Archiv". Das hier verwahrte Behördenschriftgut endet mit wenigen Ausnahmen mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918. In den Sammlungen des Kriegsarchivs hingegen stellt das Jahr 1918 keine wirkliche Zäsur dar.