Das Wehrstammbuch Waldheim
Archivale des Monats Juni 2026
Die Wehrstammkarte des ehemaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist Teil von Waldheims Wehrstammbuch. Ursprünglich zu administrativen Zwecken von der Deutschen Wehrmacht zur Erfassung persönlicher Daten, militärischer Laufbahnen und organisatorischer Zugehörigkeiten angelegt, erlangte diese Wehrstammkarte im Jahr 1986 besondere Bekanntheit im Zuge der sogenannten „Waldheim-Affäre“. Nachdem Inhalte daraus durch das Nachrichtenmagazin Profil veröffentlicht worden waren, rückte das Dokument in den Mittelpunkt des österreichischen Bundespräsidentschaftswahlkampfes.
Zuvor war das Wehrstammbuch vom Journalisten Hubertus Czernin sowie von Waldheims Büromitarbeiter Ferdinand Trauttmansdorff im Kriegsarchiv eingesehen worden, wo es seit Jahrzehnten verwahrt wurde. Bei den Angaben zu den organisatorischen Zugehörigkeiten wurde ersichtlich, dass Waldheim nicht nur als Oberleutnant der Reserve in der Deutschen Wehrmacht geführt wurde – öffentlich bislang unbekannt waren vor allem die Einträge „SA“ sowie „N.S.D.St.B.“ auf der Wehrstammkarte, die auf eine Zugehörigkeit zur Sturmabteilung beziehungsweise zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund hinwiesen.
Es folgte ein stark polarisierender Wahlkampf zwischen ÖVP und SPÖ, geprägt von Diskussionen über eine mögliche Beteiligung Waldheims an Kriegsverbrechen sowie von Vorwürfen einer politischen „Verleumdungskampagne“. Auch das Österreichische Staatsarchiv blieb von den politischen Auseinandersetzungen nicht verschont und sah sich mit Vorwürfen einer Zusammenarbeit mit der SPÖ konfrontiert. Diese Anschuldigungen finden sich beispielsweise in einem Bericht des Parlamentsklubs der Österreichischen Volkspartei wieder, welcher in den Kabinettsakten Sinowatz einliegt: „[…] die inhaltliche Vorbereitung der Kampagne unter Mitwirkung höchster Beamter des Bundeskanzleramtes.“ (OeStA/AdR, Kabinett Sinowatz Kt. 18).
Schlussendlich gewann Waldheim die Wahl und der damalige SPÖ-Bundeskanzler Fred Sinowatz trat zurück. Eine im Jahr 1988 eingesetzte Historikerkommission kam zum Ergebnis, dass Waldheim selbst zwar nicht an Kriegsverbrechen beteiligt war, jedoch von solchen Vorgängen Kenntnis gehabt haben müsse. Die Ereignisse lösten in Österreich eine breite gesellschaftliche Diskussion über die NS-Zeit und die lange vertretene „Opferthese“ aus.
Corinna Beran
Signatur: OeStA/AdR, Militärische Evidenzen, Deutsche Wehrmacht, Wehrstammbuch Kurt Waldheim