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Die Ergreifung der Ringelmann´schen Räuberbande

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Das "Spitzbubenwörterbuch" sollte bei der Vereitelung von Verbrechen helfen.  
Archivale des Monats Februar 2021
 

Die aktuelle Archivalie des Monats besteht aus zwei Akten, die aus den Jahren 1806 und 1807 stammen und sich mit einer in Teilen der Monarchie zu Werke gehenden Räuberbande beschäftigen. Diese wurde unter der Bezeichnung „Ringelmann“ aktenmäßig erfasst, wobei aus den vorliegenden Konvoluten der Ursprung der Benennung nicht mehr feststellbar ist. Die Räuberbande hatte sich auf Kutschenüberfalle spezialisiert, wobei sie auch nicht vor tätlichen Angriffen und schließlich sogar Morden zurückschreckte.

Die Gruppe der Täter war relativ groß und wurde von den damaligen Ermittlungsbehörden in verschiedenen Regionen der Kronländer vermutet. Die Suche nach den einzelnen Bandenmitgliedern bediente sich der damals modernsten Mittel, die sich jedoch im Druck von Flugblättern und Streckbriefen erschöpfte. Daher publizierte die k.k. Polizeihofstelle zwischen Juni und Herbst 1806 mehrere Personenbeschreibungen der vermeintlichen Täter. Bemerkenswert ist dabei die Detailtreue, die dem Aussehen und der Kleidung sowie allfälliger Decknamen der Mitglieder der Räuberbande geschenkt wurde.

Diese Methode hatte durchaus Erfolg, wie die erhaltenen Verhörprotokolle einzelner verhafteter Mitglieder der Ringelmann´schen Räuberbande beweisen. Allerdings gelang es den Polizeibeamten nicht, alle Verdächtigen festzunehmen. Aus der erhalten gebliebenen Aktenlage kann der Schluss gezogen werden, dass die Räuberbande noch immer aktiv war und sich nunmehr auf die Stadt Prag und deren Umland konzentrierte.

Die lokale Polizei konnte sich nun nicht mehr nur auf Hinweise aus der Bevölkerung aufgrund der Steckbriefe verlassen. Die Beamten wurden daher mit einem Behelf ausgerüstet, der sie auf die Methoden sensibilisieren sollte. Dazu diente einerseits eine Art Taschenwörterbuch, das sowohl tschechische wie deutsche Begriffe der „Spitzbubensprache“ enthielt. Anhand der akustischen Wahrnehmung von solchen Äußerungen sollten die Ermittlungsbeamten anhand der „Übersetzung“ Planungen zu zukünftigen Verbrechen erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen können. In einem kurzen Appendix wurde zudem auf die Arbeitsmethode der Räuberbande eingegangen und die Bedeutung sowie Funktionsweise sogenannter Zinken erklärt.

Die Tragweite der Taten der Ringelmann´schen Räuberbande lässt sich davon ablesen, dass sich die k.k. Polizeihofstelle zumindest in den beiden noch vorliegenden Akten intensiv damit befasste. Die Behörde hatte die Aufgabe, die Sicherheit des Landesfürsten und seiner Untertanen bezüglich Person sowie Eigentum und die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, wozu alsbald auch die Zensur zählte, zu garantieren. Aufgrund dieser Kompetenzen entwickelte sich die k.k. Polizeihofstelle zu einem zentralen Instrument mögliche „Staatsfeinde“ zu beobachten. Auf diese Weise konnten vor allem ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts „revolutionäre“ Strömungen nicht nicht nur ausgeschaltet, sondern schon im Keim erstickt werden. Erst die Ereignisse des Jahres 1848 beendeten die Existenz und damit die Tätigkeit der k.k. Polizeihofstelle. 

Wie auch an den gezeigten Akten festgestellt werden kann, wurde das Schriftgut der k.k. Polizeihofstelle durch den Justizpalastbrand 1927 beschädigt. Damals ging ungefähr die Hälfte der Akten verloren und der konservatorische Zustand der erhaltenen Akten ist teilweise derart schlecht, dass sie für die Benützung nicht ausgegeben werden können.

Roman Gröger
Signatur: ÖStA/AVAFHKA/Inneres/Polizei/Polizeihofstelle Zl.: 1076 ex 1806 und Zl.: 18 ex 1807