Ungarische Kolonien, tüchtige Südtiroler und eine Roggenähre –
Ein Konsularbericht aus Brasilien
Archivale des Monats Oktober 2026
Das regelmäßige Verfassen und Einsenden von Berichten an das Ministerium des Äußern am Ballhausplatz gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der österreichisch-ungarischen Konsularbeamten im Ausland. Das Konsularnetz der Habsburgermonarchie umfasste zu Beginn des 20. Jahrhunderts rund 100 effektive (d.h. mit Staatsbeamten besetzte) Konsularposten, die dazu angehalten waren, regelmäßig ihre Wahrnehmungen über Wirtschaft, Politik, Kultur und andere Themen nach Wien zu übermitteln. Besonderes Augenmerk wurde von Seiten des Ministeriums seit den 1890er Jahren auf den Ausbau des Konsularnetzes in den Zielländern der österreichischen und ungarischen Emigration in Nord- und Südamerika gelegt. Zwischen 1880 und 1910 wanderten über 3 Millionen Menschen aus Österreich-Ungarn über den Atlantik aus, die beliebtesten Destinationen in Lateinamerika waren dabei Argentinien und Brasilien. Insbesondere der Süden Brasiliens mit der Metropole São Paulo und den umliegenden Provinzen zog aufgrund des Arbeitskräftebedarfs im Kaffeeanbau und der Landwirtschaft sowie in Industrie und Eisenbahnbau viele Migrantenfamilien aus Österreich-Ungarn an – speziell aus dem heutigen Trentino, dem dalmatinischen Küstenland und Ungarn.
Aus São Paulo erreichte im Jänner 1908 ein ausführlicher Bericht des dort amtierenden Vizekonsuls Karl Bertoni mit dem Titel „Bereisung der österr.-ungar. Ansiedlungen an der Soracabana- und Ytuana-Eisenbahn in Sao Paulo“ das Ministerium des Äußern in Wien. Der mustergültige Bericht informiert fundiert und detailreich über Landwirtschaft, Viehzucht und Industrie der westlich von São Paulo gelegenen Region sowie die dortigen „kolonisatorischen“ Interessen und „kommerciellen“ Möglichkeiten Österreich-Ungarns. Ein weiterer Abschnitt des Berichts ist der „kulturellen Lage unserer Landsleute“ gewidmet: Bertoni beschreibt darin die „große Anhänglichkeit an die alte Heimat“ der Ausgewanderten und übermittelt die mehrfach vorgebrachte Bitte nach Übersendung von Schulbüchern und liturgischen Texten in italienischer, ungarischer und „slovenischer“ Sprache. Abschließend wünscht sich Vizekonsul Bertoni die „Kreirung einer sozusagen austro-brasilianischen beziehungsweise ungaro-brasilianischen Generation […], welche für den gegenseitigen Verkehr zwischen den beiden Ländern in hohem Maße förderlich wäre“.
Beiliegende Fotografien wie die drei hier enthaltenen sind in derartigen Konsularberichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Seltenheit, eine vierte beim hier vorgestellten Bericht aus São Paulo enthaltene Beilage ist hingegen durchaus bemerkenswert: Es handelt sich um eine „von mir [dem Verfasser] selbst gepflückte“ Roggenähre, die perfekt konserviert in einem kleinen Umschlag in diesem Akt erhalten geblieben ist!
Andreas Titton
Signatur:
- AT-OeStA/HHStA MdÄ AR F15-57-1, siehe AIS unter https://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=4010845
Literatur:
- Engelbert Deusch, Die effektiven Konsuln Österreich(-Ungarns) von 1825–1918. Ihre Ausbildung, Arbeitsverhältnisse und Biografien (Wien 2018).
- Ursula Prutsch, Migration und Identität. Österreichisch-ungarische Auswanderung nach Argentinien und Brasilien (1876–1914). In: Johannes Feichtinger (Hrsg.), Das Gewebe der Kultur: kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte und Identität Österreichs in der Moderne (Innsbruck 2001), S. 127–147.
- Krzysztof Smolana, Karol Bertoni (1876–1967) – zapomniany współtwórca polskiej służby zagranicznej [Karol Bertoni (1876–1967) – vergessener Mitbegründer des polnischen Auswärtigen Dienstes]. In: Glos Prawa, Przeglad Prawniczy Allerhanda [Allerhand Law Review] 2020, Bd. 3, Nr. 2 (6), Pos. 33, online unter https://glosprawa.pl/artykul-168/karol-bertoni-1876-1967-zapomniany-wspoltworca-polskiej-sluzby-zagranicznej [letzter Zugriff 29.09.2026].