„…betreffend Unfall in Kernanlage Tschernobyl…“: 40 Jahre Super-GAU
Archivale des Monats
Am 26. April 1986 um 01:23 Uhr explodierte bei einem missglückten Sicherheitstest der Reaktor 4 des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerks bei Tschernobyl in der damaligen UdSSR (heute Ukraine). Eklatante Sicherheitsverstöße und schwerwiegende Konstruktionsmängel führten zur Kernschmelze und vollständigen Zerstörung des Reaktors und des Reaktorgebäudes. Es war der bislang schwerste Unfall in der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die Explosion und die ersten Sicherungs- und Löscharbeiten forderten bereits mehr als 50 Tote, und die in großer Menge freigesetzte radioaktive Materie sollte letztendlich vielen tausenden Menschen das Leben kosten. Die intransparente Vorgehensweise der sowjetischen Behörden, die erst am Folgetag die Evakuierung der näheren Umgebung veranlassten, verschlimmerte die Situation zusätzlich. Aber nicht nur dort waren die Auswirkungen drastisch; ungünstige Luftströmungen und Regen führten dazu, dass auch Zentraleuropa rasch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Am 28. April wurden in Skandinavien sowie der Schweiz und Österreich erhöhte radioaktive Werte gemessen und einen Tag später, also erst drei Tage nach dem Super-GAU, berichteten sowjetische Quellen erstmals darüber.
Aufgrund der Wetterlage war Österreich stark betroffen und der Durchzug der radioaktiven Luftmassen führte zu einer Kontaminierung eines Großteils des Bundesgebietes. Die Strahlenbelastung für die Bevölkerung konnte durch erste behördliche Maßnahmen wie die Verhängung eines zeitweiligen Weide- sowie Ernteverbotes für Freilandgemüse und -obst reduziert werden. Um die Einhaltung der erlassenen Grenzwerte sicherzustellen, wurden über Monate hinweg umfassende Radioaktivitätskontrollen von Lebensmitteln durchgeführt. Nachdem es bis dahin weder auf nationaler noch internationaler Ebene ein krisentaugliches Warn- und Informationssystem für radioaktive Unfälle gegeben hatte, führte die Katastrophe dazu, dass man sich angesichts der grenzüberschreitenden Auswirkungen intensiver mit dem nuklearen Notfallmanagement auseinanderzusetzen begann.
Aus Anlass des 40. Jahrestages des Reaktorunfalls werden die erste fernschriftliche Nachfrage des Außenministeriums bei der Österreichischen Botschaft Moskau vom 29. April, ein Bericht des Forschungszentrums Seibersdorf, ein Auszug aus dem Ministerrat vom 6. Mai zur Abnahme der radioaktiven Belastung sowie der Gesamtbefehl des Armeeoberkommandos für den Assistenzeinsatz von Teilen der Armee und Maßnahmen im Dienstbetrieb des Bundesheeres gezeigt.
Wie es zu diesem Unglück kommen konnte, sollte bei einer Tagung der Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien geklärt werden. Vom 25. bis 29. August 1986 fanden sich 500 Expertinnen und Experten aus 62 Ländern ein, um den Unfall anhand des damaligen sowjetischen Vortrags bzw. Berichts zu bewerten.
Ein Protokoll dieser Tagung finden Sie hier.
Dieter Lautner
Signaturen
- AT-OeStA/ADR, BMAA, Pol, Zl. 1016.08/1 und 685-II.8/1986
- AT-OeStA /ADR, Ministerrat, 129. Sitzung am 6.5.1986
- AT-OeStA /ADR, BMLV, AOK, Zl. 30460/672-3.3/1986