„Ein Mädchen muss aber immer den Kürzeren ziehen“ – Zwischen Käse, Karriere und k. k. Bürokratie
Archivale des Monats November 2026
Als Ende der 1870er Jahre in Kärnten die Forderung nach einer Meiereischule für Bauerntöchter laut wurde, setzte das k. k. Ackerbauministerium einen entscheidenden Schritt: Mit Stipendien ermöglichte es zwei Frauen die Ausbildung zu Lehrerinnen im Molkereiwesen im sächsischen Ober-Kunersdorf. Eine von ihnen war Vinzencia (Zeni) Lackner, die schließlich an der 1883 eröffneten Meiereischule zu Pichlern-Marienhof den praktischen und theoretischen Unterricht leitete. Der Schwerpunkt der Schule, die als erste ihrer Art in Österreich galt, war es jedoch nicht bloß, Mädchen ab 16 Jahren das Melken zu lehren, sondern diese „auf allen Gebieten der Täthigkeit einer zur Leitung des Wirtschaftswesens berufenen Landwirtin“ zu unterweisen.
Die Bestrebungen zur Errichtung einer solchen Schule gingen maßgeblich von der Kärntner Landwirtschaftsgesellschaft aus. Sie sind vor dem Hintergrund der Agrarkrise und der sinkenden Getreidepreise der 1870er Jahre zu sehen, durch die die Milchwirtschaft insbesondere in den Alpenregionen der Monarchie weiter an wirtschaftlicher Bedeutung gewann. Das k. k. Ackerbauministerium erklärte sich zwar bereit, die Schule zu subventionieren, den größten finanziellen Aufwand übernahm aber Franz Ritter von Edlmann durch die Bereitstellung seiner Wirtschaft in der Nähe von Klagenfurt als Lehrstätte. Eine räumliche und wirtschaftliche Trennung erfolgte erst 1890: Fortan verkaufte der Gutsbesitzer seine Milch an die schuleigene Molkerei, wo sie unter Mitwirkung der Schülerinnen zu Butter und Käse verarbeitet wurde. Am erwirtschafteten Reinertrag war auch Vinzencia Lackner mit 20 Prozent beteiligt.
Dass diese Beteiligung jedoch kein gesichertes Einkommen bedeutete, beklagte Lackner 1894 in einem Schreiben an einen staatlichen Schulinspektor. Ihr jährliches Gehalt war nach elf Dienstjahren noch immer nicht erhöht worden, während Lehrerinnen der Meiereischule zu Neutitschein (heute Nový Jičín) deutlich mehr verdienten und Gehaltszulagen im Fünfjahresrhythmus erhielten. Mit Blick auf die Gehaltsentwicklung der Beamten der Kärntner Landwirtschaftsgesellschaft bemerkte sie außerdem: „Das Gehalt der Beamten erhöht sich jedoch von Jahr zu Jahr. Ein Mädchen muss aber immer den Kürzeren ziehen.“ Der eigentliche Anlass ihres Schreibens war aber die Bitte um einen Zuschuss für eine weitere Studienreise – diesmal nach Frankreich. Zu dieser kam es jedoch nicht mehr, da Lackner im darauffolgenden Jahr den wesentlich besser bezahlten Posten der Hausmutter, die für die Leitung des Schul- und Wirtschaftsbetriebs zuständig war, übernahm.
Bereits 1893 hatte Lackner eine einmonatige Studienreise unternommen, die sie über Wien nach Deutschland führte und auf der sie insgesamt 19 Molkereibetriebe besichtigte. Ihr ausführlicher Reisebericht befindet sich mit ihren Briefen, Schulbroschüren und Inspektionsberichten in einem Akt des Ackerbauministeriums. Ein Werbesujet für einen an der Schule hergestellten Käse, der 1890 auch auf der landwirtschaftlichen Ausstellung in Wien prämiert wurde, ergänzt das Konvolut.
Die Unterlagen veranschaulichen nicht nur die Rolle des Ackerbauministeriums als Förderer landwirtschaftlicher Bildung. Sie machen einerseits Mädchen als Adressatinnen landwirtschaftlicher Bildungsangebote sichtbar, geben andererseits aber auch Einblick in die beruflichen Möglichkeiten von Frauen als Lehrerinnen, denen fachliche Qualifikation und überregionale Mobilität neue Handlungsspielräume eröffneten.
Lackners Schreiben an den staatlichen Schulinspektor. (PDF, 661 KB)
Die Transkription des Schreibens. (PDF, 587 KB)
Birgit Buresch
Signatur:
AT-OeStA/AVA Landwirtschaft AMLK, Ktn. 782, Sign. 8b5-1897
Literatur und gedruckte Quellen:
- Ernst Bruckmüller, Der Bauernstand. Organisationsbildung und Standeskonsolidierung. In: Helmut Rumpler, Peter Urbanitsch (Hg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918, Bd. IX/1/2: Soziale Strukturen. Von der feudal-agrarischen zur bürgerlich-industriellen Gesellschaft. Von der Stände- zur Klassengesellschaft (Wien 2010) 783–811.
- Die Haushaltungs- und Meiereischule zu Pichlern-Marienhof bei Klagenfurt (Klagenfurt 1898), online unter: [https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11868743?q=Edlmann&page=,1] [letzter Zugriff 14.10.2026].
- Jahres-Bericht der Meierei- und Haushaltungsschule zu Söhle bei Neutitschein für das Schuljahr 1893–94 (Neutitschein [o. J.]), online unter: [https://www.google.at/books/edition/Jahres_Bericht_der_Meierei_und_Haushaltu/XMYTcT4h vQC?hl=de&gbpv=0] [letzter Zugriff 14.10.2026].
- Über die Errichtung einer Meiereischule in Kärnten. Vorschlag des Centralausschusses der Landwirthschaftsgesellschaft. In: Klagenfurter Zeitung, Nr. 53 (7. März 1877) 400–401, online unter: [https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno aid=kfz&datum=18770307&seite=2&zoom=33&query=%22meiereischule%22%2B%22k%C3%A rnten%22&ref=anno-search] [letzter Zugriff 14.10.2026].
- Wolfgang Werner, Die Anfänge der organisierten land- und forstwirtschaftlichen Bildung in Niederösterreich. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 57/58 (1990) 211–244.